Eine Weihnachtsgeschichte
Am Weihnachtstag des Jahres 1926 schritten die Großmutter, die Mutter und ihr kleines Mädchen durch die Tür des schützenden und wärmenden Hauses in das erste Schneetreiben des Winters. Sie kämpften gegen den heulenden Wind die Poschitzauer Dorfstraße entlang, und sie mußten ihren Oberkörper vornüber beugen, während die Kälte durch die flatternden Mäntel und Kopftücher drang.
Die kleine Gruppe hatte noch nicht die letzten Häuser des Ortes hinter sich gelassen, als das Kind schon zu klagen begann. Die Schneeflocken peitschten an sein Gesicht und stachen mit scharfen Zacken in seine Haut. Bald redeten die beiden Frauen dem Mädchen tröstend zu und versprachen ihm eine wunderschöne Pfefferdocken, bald aber tadelten sie es auch und drohten ihm, daß am Abend das Christkind ganz sicher nicht käme, wenn es jetzt nicht sofort brav sein würde. Zwischen den Versprechungen und den Ermahnungen schritt die Kleine jedesmal tapfer weiter. Auf solche Weise erreichten die drei Menschen endlich die Anhöhe, auf der die Gfeller Straße und der Poschitzauer Weg zusammenstießen und in die neue Straße nach Schlaggenwald einmündeten.
An dieser Stelle wurde plötzlich der Blick auf die kleine Stadt mit der St. Georgskirche und dem Friedhof frei. Der frische Schnee hatte sie weich zugedeckt und aus den Schornsteinen der alten Häuser kräuselte sich der Rauch. Der Wind heulte nicht mehr und das Gestöber hatte aufgehört. Das Kind war ruhiger geworden und ließ sich friedlich an der Hand führen. Je näher die drei Menschen dem Städtchen kamen, um so heiterer wurden sie. Aber dann tollten fröhliche Kinder mit ihren Schlitten die neue Straße herunter und schrieen sich den Weg frei. Das kleine Mädchen wäre so gern mitgefahren, und weil es nicht konnte, begann es wieder zu jammern.
Beim „Alten Markt" machten die beiden Frauen mit dem Kind den kleinen Umweg über den „Kolb-Beckn", um es mit einer „Brezen" friedlich zu stimmen. Dann gingen sie zusammen durch die winkligen Gassen bis zur Dreifaltigkeitssäule. Aber bis dahin hatte die Kleine die Zuckerbrezen verzehrt und auf's neue zu weinen begonnen, während sie an der wärmenden Hand der Mutter die Kirchstafferln hinauftrippelte. Die Tränen rannen ihr so reichlich über die Wangen, daß die beiden Frauen ein um das andere Mal das verschmierte Gesichtchen sauber wischen mußten. So kamen sie endlich auf den Kirchhof. Auf manchen Gräbern war bereits der Schnee ein wenig beiseite geräumt und ein Öllämpchen angezündet worden. Die rotschimmernden Lichter im kalten Schnee gefielen dem Kinde sehr, so daß es still wurde, nach allen Seiten spähte und voll Freude in seine Hände klatschte, wenn es wieder ein Licht entdeckte.
Da sah es ganz plötzlich an der Rückseite des Gotteshauses das große Kreuz. Und es sah, wie ein Mensch fürchterlich daran genagelt war, und wie dieser Mensch aus seinen Wunden blutete, und eine dicke Dornenkrone tiefe Risse in seine Stirne grub.
Das Kind riß sich von uns Frauen los und lief zu dem Gekreuzigten. Es war in seinem kleinen Leben zum ersten Male von einem großen Erschütterung und einem tiefen Mitleid erfaßt worden. Es wollte diesem gequälten Menschen, der in der Kälte bei Eis und Schnee fast nackt ans Kreuz genagelt war, herunterhelfen und ihn mit heimnehmen in die warme Stube. Aber die Kraft dieses kleinen Menschenkindes war so gering, daß es nicht einmal bis zu dem Kreuz kam. Die Mutter und die Großmutter liefen ihm erschrocken nach, und zogen es auf den Weg zurück. Aber das Mädchen sträubte sich sehr, es begann laut zu weinen und zu schreien, und meinte, daß man diesem armen Mann doch helfen solle. Alles Zureden und Ermahnen half nichts. Das Kind konnte nicht verstehen, daß alle Menschen, sogar die Mutter und die Großmutter, hier tatenlos zusehen konnten, wie ein Mensch leidet. So grub sich in ein kleines Herz die erste große Enttäuschung. Das Kind schluchzte und am ganzen Leibe zitterte es. Die Mutter nahm es warm und liebevoll in die Arme und verließ mit ihm den Friedhof. Während die Großmutter an Großvaters Grab das „Ewige Licht" entzündete, trug die Mutter ihr Kind die Kirchstafferln in die Stadt hinunter. Als sie beim Reif-Konditor eine „Pfefferdocken" kaufte, da seufzte das kleine Mädchen nur noch hin und wieder im Halbschlaf. Später trugen die Mutter und die Großmutter abwechselnd das schlafende Kind den weiten Weg heim nach Poschitzau.
Als am Abend ein zarter Glockenton das kleine Mädchen aus seinem Schlaf holte, da ruhte eine wunderschöne „Pfefferdocken" in seinem Arm. Durch die warme Stube zog der Duft von süßen Köstlichkeiten, und der goldene Schein der brennenden Kerzen auf dem Christbaum lag über dem gütigen Gesicht der Mutter. Neben dem tiefen Kummer, der in die Seele des Kindes eingezogen war, fühlte es jetzt die Freude und das Glück des Hl. Abends.
Hermine Walter, geb. Palm
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