Das war mein erster politischer Unterricht. Schmerzlicher als die Jugend der Gegenwart spürten wir den unauflöslichen Zusammenhang zwischen privater Existenz und politischem Geschehen.
Ich erinnere mich noch, wie ich von der alten Frau Pimpl am Zehentplatz gepaschten Sacharin holen mußte; nicht weil wir zuviel, sondern weil wir zu wenig Zucker hatten.
Hinzukommen die Erinerungen an die Männer, die mit einem Sack Kohlen, quer durch das Fahrrad gelegt, von Grünlas oder Neusattl heimwärts schoben. Im Winter sah man sie dann, die Kohlen am Rodler das Zechtal heraufziehen.
Oder die Erinnerungen an die Holzweiber, die über den Seifenberg heraufkamen, den Buckelkorb querüber mit langen Fichtenästen beladen, an ihren ausgetretenen und sinnreich geformten Sitzen abstellten, um von dort wieder ohne fremde Hilfe ihre beschwerliche Last aufnehmen zu können. Erinnern sollte man sich dabei auch an die Straßenmusikanten, die Hausierer und an die vielen Schilder „Almosen nur Freitag" als Symptome damaliger wirtschaftlicher Verhältnisse. Unvergessen aus diesen Tagen ist mir auch der Anblick stillstehender Fabriken, die allenthalben zu sehen waren: die Fensterscheiben eingeschlagen, Saatbeete für Brennessel, Weidenröschen und Salweide.
Wirtschaftliches Versagen als Folge politischer Dummheit, von Wilson und Masaryk, die zu dieser Zeit auch schon mit Glorienschein als unfehlbare Lehrer der Demokratie auftraten und eben dabei die Demokratie zu Tode schunden.
Meine eigentlich bedrückende Erinnerung aus meinen ersten Schuljahren ist das Thema Kommunisten gewesen und damit untrennbar verbunden der vieltausendfache Mord in Spanien, dem schon das Morden in Rußland vorausgegangen ist. Für mich unverständlich, weil Russen Russen und Spanier Spanier mordeten; vor allem waren die Opfer katholische Priester und Schwestern. Rußland allein kostete dieses beispiellose fortschrittliche Experiment von 1917-1959 110 Millionen Menschen. Leider sind von dieser Art der Errichtung einer glücklichen klassenlosen Gesellschaft, die im Namen des Sozialismus die Jllusion erweckt, den Durst der Menschen nach Gerechtigkeit stillen zu können, durch die wachsende Macht bis heute schon große Teile der Erde erfaßt.
Es fällt schwer solchen Glücksverheißungen zu glauben, wenn über 50 Jahre lang unermüdlich eine bessere Zukunft versprochen wird und in dieser grausamen Weise mit Menschen und Völkern ungestraft verfahren werden darf und man jene als Schurken bezeichnet, die noch den Mut aufbringen, Verbrechen und Mord beim Namen zu nennen.
Seit dieser Zeit, über die ich geschrieben habe, sind wir einen steinigen Weg gegangen, unsere materielle Existenz ist überschaubar gesichert. Fasziniert messen wir heute der Bequemlichkeit und den Gebrauchsgütern einen größeren Wert zu, als den Selbstbehauptungskräften in den geistigen Auseinandersetzungen. Die Jahre vor 1938, im Krieg und danach haben wir bestanden, weil die Not uns in die Zange genommen hat — wir sind dadurch stärker geworden. In der gegenwärtigen Umarmung durch den Wohlstand werden wir schwach und zweifelhaft ist, ob wir so eine menschenwürdige Zukunft gestalten können, ja — ob wir sie überhaupt gestalten wollen.
Wie Andreas Kempf in seiner Treue zur Heimat, wie Alexander Solschenizyn mit seinem Mut zur Wahrheit und Kardinal Mindszenty in seiner Standfestigkeit im Glauben — müßten wir jetzt aus inneren Kräften wie am Krudum einen Turm bauen, aus Granit auf festen Boden und weithin sichtbar — für unsere Freiheit!
Herbert Jakob
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