Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 144
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Věrni staré vlasti!

Der alten Heimat treu!

Dunkle Wolken zogen über unser Land.
„Du mußt fort!" — kam es aus aller Munde.
So mancher saß am Straßenrand,
sein Herz erfüllt von dieser Kunde.
Doch keiner wollte es recht glauben,
daß man ihm kann die Heimat rauben.
Fast schon vergessen sind die schweren Stunden,
so vieles ist in unserm Leben wieder neu.
Auch eine neue Heimat haben wir gefunden,
doch das Herz bleibt der alten Heimat treu.

Frieda Erler (Idstein/Ts.)

Slavkovský Tříkolečkový vláček

Jahre vor mir da. Wenn sich nun meine Mutter auf die Bank setzte, huschte ich schnell weg, holte ein Schemelchen, setzte mich zu ihren Füßen und bettelte so lange, bis meine Mutter mir etwas erzählte. So erzählte sie mir vom Bahnbau, der an unserem Ort vorbei nach Schönwehr errichtet wurde.

Damals kamen viele Fremde Männer in unsere Gegend, so begann sie: Italiener, Kroaten und Steiermarker waren für den Bau verpflichtet gewesen. So hatten sich auch auf unserem Hofe einige einquartiert. Es waren friedliche und angenehme Leute gewesen. Gerne haben sie nach ihrer schweren Tagesarbeit noch am Hof geholfen. Sie taten sich nützlich im Stall und Feld. Aber am liebsten stampften einige das Butterfaß, denn dann gab es nachher ein großes Stück Brot mit der guten Butter und eine Kanne Buttermilch. Das war für sie eine Delikatesse, versicherten alle. Nun bevor überhaupt mit dem Bahnbau begonnen werden konnte, mußte erst viel Vorarbeit geleistet werden. Das Vermessen der Strecke und Prüfen des Erdbodens und was halt ein Bauwerk alles erfordert. Die Bahnstrecke führte direkt durch unseren Obstgarten. Er wurde dadurch erheblich verkleinert. Dagegen wehrten sich meine Eltern, was allerdings wenig half. Kurz und gut, eines Tages wurden sie zum Notar nach Elbogen vorgeladen, um die Unterschrift unter das Vertragswerk, der die Abtretung unseres Grundes an die Bahn besiegelte, zu leisten. Dieses Ereignis hob meine Mutter in ihrer Erzählung besonders hervor. Denn, wann gab es schon für die damalige Bauernwelt eine solche Gelegenheit mit hohen Herren, wie man damals diese Gesellschaftsschichte nannte, zusammenzutreffen. Als nun das Schriftstück vorlag, da merkten die Eltern, daß für die Obstbäume sehr wenig vergütet werde. Dagegen erhoben sie nun Widerspruch. Da sagte der Notar zu ihnen: „Ja liebe Leute, da kann ich leider nichts dafür. Sie tun mir zwar sehr leid, aber ich erfülle bloß einen Auftrag. Ich werde ihnen aber einige Obstbäume mehr vergüten, doch sie müssen mir versprechen darüber zu schweigen." Meine Eltern mußten sich damit zufriedengeben.

Der Bahnbau machte dann auch gute Fortschritte. Die vielen Brücken und Tunnels, die gebaut werden mußten, zeigen ja noch heute von der großen Baukunst der Arbeiter. Auch paßten sich die Viadukte — wie sie von uns genannt wurden, diese imposannten Brücken — in die Landschaft ein. Nach dem Bahnbau haben fast alle fremden Arbeiter unsere Gegend wieder verlassen. Aber die Eisenbahn war nun für damals eine große Sensation. Aber einer der damals in Leßnitz einquartierten Facharbeiter — er war ein tüchtiger Maurer — hatte sein Herz in Leßnitz gelassen. Es war Vater de Santis. So nannten wir ihn. Ein seelensguter Mann. Immer freundlich und zu allen hilfsbereit. Nicht lange und er heiratete, kaufte sich ein Haus und ein großes Feld dazu. Dieses Feld hat er nur mit den eigenen Händen bearbeitet. Oft hat ihn mein Vater zum Mähen und Kornschneiden gebeten. Wenn er dann frühstückte, setzten wir uns gerne zu ihm, und er mußte uns von seiner Heimat erzählen. Ich erinnere mich nicht, daß er jemals seine Heimat aufgesucht hatte. Damals gab es keine kostenlose Heimfahrten der Gastarbeiter. Wie strahlten dann seine Augen, wenn wir ihm andächtig zuhörten. Es wird ihm ebenso zu Mut gewesen sein wie uns heute, wenn wir von daheim reden können. Nur hatte er fast keine Landsleute mit denen er sich so ausreden konnte, wie wir es noch können und einen Heimatbrief, der uns heute noch alle verbindet.

Im Jahre 1901, am 7. Dezember, war es dann soweit und der erste Zug pustete heran. Alle Ortsbewohner waren auf den Beinen, um das Wunderwerk zu bestaunen. Hatten doch sehr viele Leute noch keine Eisenbahn gesehen, obwohl die Puschderater Bahn von Eger bis Prag bereits viele Jahre schon gefahren ist. Über unser abgetretenes Grundstück fuhr er ganz langsam mit viel Pusterei, denn da mußte er die größte Steigung überwinden. Da kam er nun vorbei mit seinen drei Wagerln. Zwei Personenwagen und einen Güterwagen schleppte die kleine Lokomotive hinter sich her. Die Pusterei der Lokomotive hörte sich an, als wollte sie immer auffordern: „Boum schöibst recht viel, Boum schöibst recht viel." Nach der Überwindung dieses Punktes hieß es dann nach beiden Seiten: „'s göiht schu wieder, 's gäiht schu wieder." Es machte uns Kinder stets Spaß, wenn wir den Zug kommen hörten. Da liefen wir, egal wo wir waren, an unseren Gartenzaun und riefen aus vollem Halse zu: „Schlogowoler Dreiwacherlzug." Er fauchte ganz schön an uns vorbei, beim Windhof verschwand er dann. Von da aus hatte er es leichter.

Vom Frühjahr bis Herbst fuhr nun der Zug an unserem Dorf vorbei. Aber als der Winter kam, und der brachte damals sehr viel Schnee, da blieb halt das Züglein stecken. Große Schneeverwehungen versperrten dem Züglein den Weg. Da erklangen laute schauerliche Pfeiftöne. Es war am Morgen der erste Zug, der nun steckengeblieben war. Mein Vater u. der Knecht mußten raus aus dem Bett u. das Züglein mit vielen anderen Hilfskräften aus der Schneewehe herausschaufeln. Später wurden dann sog. Schneewände aufgestellt. Aber trotzdem mußte er oft noch aus den Verwehungen befreit werden.

Aber einmal wurde er im Sommer auf freier Strecke aufgehalten. Es war ein schöner sonniger Spätsommertag. Meine Mutter und ich haben im Hofacker gewerkt. Der Rinkes Walter — im Dorf Riesn Walter genannt — war damals noch ein sehr kleines Bürschlein und mußte auf der Wiese unweit des Bahngeländes das Vieh hüten. Anfangs war er ganz vergnügt. Aber mit der Zeit schien es ihm doch zu langweilig. Da fing er plötzlich an aus Leibeskräften zu schreien: „Mutter, ich höit nimmer! Mutter ich höit nimmer!" Wir taten als hörten wir es nicht. Aber als es lange Zeit ganz still blieb, meinte die Mutter, ich muß doch einmal nach ihm schauen, denn der Zug muß auch bald kommen. Sie ging die Anhöhe hinauf, um nach dem Bub auszuschauen. Da rief sie mir aber schon voll Schreck zu: „Komm schnell, das Vieh ist auf den Schienen." Wir liefen was die Beine hergaben. Da kam auch schon das Züglein an. Das Pfeifen und Zischen ging uns durch Mark und Bein. Die meisten Tiere haben fluchtartig die Gleise verlassen. Aber unsere älteste Kuh, die Lore — ich sehe es heute noch — ging gemütlich auf den Geleisen weiter. Sie ließ sich nicht bewegen diese zu verlassen. Der Zug mußte anhalten. Wir brachten sie dann doch noch weg. Plötzlich hob sie den Schwanz himmelwärts, schleuderte ihre alten Haxen nach allen Richtungen und stob davon. Der Lockführer schimpfte von seiner Höhe auf uns herab und erklärte, er müsse uns anzeigen, weil er auf freier Flur stehen bleiben mußte. Das müsse er in einem Bericht melden.

Da sagte meine Mutter: „Trauter Herr Zugsführer! Mei Hütl (Hüterbub) ist mir davon gelaufen. Mir san ja gleich gerennt, als wir gesehen haben, daß das Vieh am Bahndamm steht. Ich kann ja nix dafür, daß meine Beine nicht so schnell laufen können wie sie mit ihrer Lokomotive fahren. Wir habm eh kan trockenen Fohn am Leib. Wenns uns anzeigen, dann werden unsere Männer den Zug im Winter nicht mehr rausschaufeln geh'n. Dann könnes mit dem Zug stehenbleiben bis zum Nimmerleinstag!" Da lachte der Lokführer über das ganze Gesicht nach dem Redeschwall der Mutter und langsam rollte er davon. Lange Zeit warteten meine Eltern auf den Strafbefehl. Aber es kam niemals einer an. Da meinte meine Mutter nach längerer Zeit: Das ist doch ein Mann mit Herz.

Wenn wir oftmals vom Feld heimgehend den Dreiwacherlzug begegneten, lachte der Lokomotivführer auf uns herab und drohte scherzhaft mit dem Finger.

Heute dürfte diese Idylle vorbei sein und es wird kein Dreiwacherlzug mehr diese Strecke befahren.

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