Wenn die Glockenseelen nach Rom wandern . . .
Dort, wo einst das liebe Dorf am Berghang lag, weht jetzt wieder der laue Frühlingswind durch das knospende Geäst der alten Bäume und durch das Gestrüpp, das über Mauerresten wuchert. Die Sonnenstrahlen erwärmen nach einem langen Winter die Erde, auf der ich die schönsten und glücklichsten Tage meiner Kindheit verbrachte, und die ich als kostbare Erinnerung mein Leben lang hüten werde.
Es war an einem Gründonnerstagmorgen. Ich saß auf dem Hackstock neben Großmutters Holzstoß und blinzelte in das helle Licht des aufgehenden Frühlingstages. In der Luft lag der frische Erdgeruch, der aus den Ackerfurchen dampfte. Von der Dorfschmiede hallte weithin der Hammerschlag, der auf den Amboß fiel. Die Vögel sangen und zwitscherten voll Lust und voll Freude. An den blühenden Palmkatzerln summten die ersten Bienen. Die Hühner scharrten wichtig und voll Eifer im frischen Mist, manchmal gackerten sie wild durcheinander und hackten sich gegenseitig mit dem spitzen Schnabel. Dann scheuchte sie der Hahn und schlug heftig mit seinen Flügeln. Am Lattenzaun lag der gutmütige Bernhardiner, der unsere Kinderbosheiten immer geduldig ertrug, und dehnte voll Behaglichkeit seine Glieder. Über Staketen waren zwei oder drei Milchkannen zum Trocknen gestülpt. Die Katze räkelte sich unter der Haustür und schnurrte zufrieden. Aus dem Schlag flatterten eilig die Tauben, kamen bald wieder und setzten sich gurrend auf den Dachfirst. Die Dicklmutter hatte rote und gestreifte Inlettbetten aus den Fenstern gehängt. Im Hausgang scheuerte die alte Liesl die großen Trittsteine und schepperte mit ihrem Blecheimer. Meine Großmutter fegte auf dem Vorplatz zu dem Häuschen, in dem sie wohnte, Reisig und Stroh zusammen.
Ich freute mich auf das Osterfest und wartete darauf, daß die Großmutter endlich mit dem Backen der Osterlaibln und dem Färben der Ostereier beginnen würde.
Da erklang hell und klar das Glöckerl vom Turm auf der Schmiede. Die Großmutter rief fast im selben Augenblick: „Schnell, Moidalerl, laff zan Bacherl und wasch da deina Summaspriesla, doa gänga se weg!"
Ich begann zu laufen. Aber die bösen Buben, die am Graben spielten, wußten, wie sehr ein Mädchen nach Schönheit trachtet und wie sehr sie auf heilende Kräfte hofft. Die Schlingel machten sich ein Vergnügen daraus, mich nicht an den Bach zu lassen. In breiter Front stellten sie sich auf und wollten mir auf solche Weise jeden Zugang zum Wasser unmöglich machen. Ich hörte hinter mir die Großmutter schreien: „Schnell, bevor d'Glocken za schlogn aufhörn!" Mit List gelang es mir tatsächlich, die Reihe meiner Widersacher ein wenig durcheinander zu bringen, eine undichte Stelle auszumachen und an den Bach zu gelangen. Hastig beugte ich mich darüber und wusch mein Gesicht. Da verklang auch schon der letzte Glockenton. Überglücklich rannte ich heim zu meiner Großmutter und erzählte ihr, daß es mir trotz aller Widerstände gelungen sei, ihren Rat zu befolgen. Sie freute sich mit mir und erklärte mir sodann, daß man diesen Brauch nur am Gründonnerstag ausüben könne, wenn mit dem letzten Geläut die Seelen der Glocken nach Rom wandern würden. Ich müßte nun ganz fest an einen Erfolg glauben. Bis zur Mittagsstunde, als die Ratschenbuben durch das Dorf zogen, hatte ich mindestens zehnmal in den Spiegel gesehen, um zu prüfen, ob nicht schon die Sommersprossen verschwunden wären — wenigstens einige.
Zwischen Hoffen und Bangen verging die Zeit, und als am Karsamstag die Glockenseelen aus Rom zurückkehrten, und das helle Läuten wieder über das Dorf klang, hatte ich eingesehen, daß Großmutter liebevoller Rat und meine ganze Mühe vergeblich gewesen waren. Nicht nur das, ich gewann sogar den Eindruck, als ob die Frühlingssonne zu den schon vorhandenen noch eine Anzahl neuer Sommersprossen
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