Der „Krudumzemberer" von Schlaggenwald
[obr] Winter daheim — Die Schneeschaufler
„Wart nur, wenn der Zemberer kommt". Oder: „Ich werde es dem Zemberer sagen". Wie oft haben Mütter diese Drohworte in der Zeit von Allerseelen bis zum Nikolaustag bei uns in Schlaggenwald den Kindern gegenüber verwendet.
Zu den Kindern in und um Schlaggenwald kam kein Nikolaus. O nein, der war viel zu vornehm und vermutlich war es unter seiner Würde, sich in das verarmte Bergstädtchen in seinem goldenen Schlitten ziehen zu lassen. Nicht etwa weil die Kinder dieser Stadt Buben wie Mädchen schlimmer gewesen waren als anderswo.
So kam denn an dem besagten Abend ein ganz wüster Geselle aus dem finstern Walde vom Krudum her in die Stuben. Er war wirklich zum Fürchten mit seinen strohumwickelten Beinen, Armen und dem undefinierbaren Kopfschmuck. Ein Gesicht hatte er nicht oder man konnte wenigstens ein solches nicht erkennen. Im großen und ganzen war der Zemberer wirklich eine furchterregende Gestalt mit einer tiefen — natürlich nur verstellten — Stimme.
Seine Behausung soll am Krudum gewesen sein. Die älteren Leser wissen ja wo das war; für die jüngeren, die Heimat nicht gesehen haben, möchte ich erklären, daß es die höchste Erhebung westlich unserer Stadt war, mit dichten grünen Tannen bewachsen. Also von dorther kam der Zemberer zu uns Kindern statt des Nikolaus. Ungezogene Kinder soll er an solchen Abenden dorthin mitgenommen haben, so sagten uns die Ahnen. Aber nie kam eines zurück und so hat man nie erfahren wie es beim Zemberer zugeht. Es fehlte auch nie ein Bube oder Mädel aus der Stadt.
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