Der „Anneresen"-Abend in der Heimat
Einer der am meisten beachteten Bräuche in der alten Heimat war das Treiben am Anneresenabend (Andreasabend). An diesem Abend — eher schon die Nacht gemeint — war unter den jungen Leuten ob Weiblein oder Männlein ein seltsames geheimnisvolles Wirken zu beobachten. Die nicht allzulaut geführten Gespräche und das Gebärdenspiel ließen für manchen Mitbewohner nichts Angenehmes verheißen. So mancher Ulk, der da ausgeheckt wurde, war nicht so harmlos. Derjenige, der aufs Korn genommen war, hatte nachher Schwerstarbeit zu leisten und oftmals auch einen nicht geringen Schaden zu ertragen, abgesehen von dem Ärger noch dazu. Darum war so mancher bereits gewarnt durch die schon vorhergegangenen Anneresenabende.
Auch in Poschitzau wurde dieser Abend ausgiebig für Schabernacke ausgenutzt. So hatte man beobachtet, daß die Wtw. Stiefel und ihr Sohn Karl — der Hausname war „beim Klixen" — jeden Abend „hutzen" in die Nachbarschaft gingen. Bevor sie aber die Heimstatt verließen, legten sie nochmals tüchtig Brennmaterial — es war schön gespaltenes kieniges Stockholz, das man im Frühjahr mühsam aus dem steinigen Waldboden herausgeholt hatte — in den großen gemauerten Herd, damit es recht schön warm sein sollte, wenn sie von ihrem Plausch wieder nach Hause kamen. Bei uns daheim war es oftmals um diese Zeit schon hart gefroren und es lag auch Schnee.
An diesem besagten Abend verließen nun beide ihre Behausung nach der vorher beschriebenen Ofenbetreuung. Aber kaum waren sie im Nachbarhaus verschwunden, da kletterten drei junge Männer das Dach hinauf, was ihnen keine großen Schwierigkeiten bereitete, weil das Häuschen an einem Hang stand und das Dach tief herunterreichte. Sie schleppten eine Glasplatte mit, die sie oben fein säuberlich auf den Rauchfang legten.
Wie verwundert waren da die Hausbewohner nach Rückkehr von ihrem Plausch, als ihnen statt der molligen Wärme ein beißender dicker Qualm entgegenschlug. Es half nichts, alle Fenster und Türen mußten sperrangelweit aufgerissen werden, damit der Rauch freien Abzug hatte. Der Ofen funktionierte einfach nicht mehr. Auch der am nächsten Tag herbeigerufene Schornsteinfeger, der durch die Rußküche — eine solche gab es bei uns fast in allen Häusern — den Rauchfang prüfte und durch die Glasplatte das Stückchen Himmel erspähen konnte, war nicht in der Lage die Ursache des nichtbrennen wollenden Ofens festzustellen.
Erst nach einigen Tagen gelang es wieder ein Feuerchen im Ofen zu entfachen und die sehr vermißte Wärme zu genießen. Man hatte doch festgestellt, daß sich an der Glasplatte Rußfäden angesiedelt hatten und das Übel war erkannt.
Aber die schönen Worte der „Stieflin" über die Missetäter möchte ich hier nicht wiedergeben.
Einem anderen Dorfbewohner bewies man einen besonders üblichen Schabernack. Wie überall in der ländlichen Gegend standen die Häuschen mit dem Herzchen in der Tür etwas abseits vom Wohngebäude bei einem stattlichen Misthaufen. Auf dieses Türchen hatten es ebenfalls drei junge Männer abgesehen. Das wollten sie unbedingt an diesem Abend in Besitz nehmen und es an einem sicheren Ort aufbewahren. So schlichen sie zu vorgerückter Abendstunde wie die Indianer auf das Objektchen zu. Als man sich nun des Türchens mit dem Herzchen annehmen wollte, da ertönte im Häuschen drinnen eine böse Männerstimme, die sich dagegen zur Wehr setzte so entblößt die gerade begonnene Beschäftigung fortzusetzen. Vor Schreck, der den Übeltätern in die Glieder fuhr, ergriffen sie im D-Zugtempo das Hasenpanier. Aber trotzdem war es ihnen gelungen, dieses begehrte Souvenir zu ergattern, denn anderentags hing eine Pferdedecke als Türersatz vor dem Häuschen. Lange Zeit blieb das Türchen fort. Der Geschädigte ließ eine neue Tür anbringen. Aber da lehnte eines Tages auch das alte Herzchentürchen wieder an seinem Platz.
So gäbe es noch so manches Bubenstückchen zu berichten: Über die heimlichen Paare, denen man das Sägemehlsträßchen bereitete und so ihr Geheimnis verriet, über das Bleigießen u.a.m.
A. F.
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