Städtisches Leben im sechzehnten Jahrhundert
Kulturbilder aus der freien Bergstadt
Schlaggenwald
von E. Reyer
Druck und Verlag Wilhelm Engelmann, Leipzig 1904
Einleitung
Zu Ende des Mittelalters erblühte in den deutschen Städten eine Kultur, welche so kraftvoll war, daß sie weithin erobernd vordringen konnte. Deutsche Handwerker und Bergleute wanderten in ferne Gebiete, welche ihnen günstige Lebensbedingungen boten. Sie gründeten Städte und Knappschaften nach den Vorbildern der Heimat und wo eine deutsche Stadt erstand, da erhob sich auch bald neben der Kirche die deutsche Schule. Der deutsche Handel reichte vom Norden bis tief in den Orient, deutsches Kapital arbeitete in den Alpenländern und im slawischen Osten.
Unter den neugegründeten Orten jener Zeit erfreuten sich die Bergstädte einer Entwicklung, welche, wenn man die technischen Mittel und den schwerfälligen Verkehr jener Zeit berücksichtigt, ebenso erstaunlich ist, wie das Anwachsen der amerikanischen Bergstädte unserer Tage.
Die große Zeit forderte von jedermann die volle Entfaltung seiner Lebenskräfte und jeder hegte einen unbegrenzten Glauben an die Zukunft. So erwuchs ein tatkräftig und zielbewußtes, gläubiges und stolzes Geschlecht, dessen Leben und Werden zu betrachten, wohl frommen mag.
Wir vermeiden im Folgenden allgemeine Schilderungen und beschränken uns auf die Betrachtung einer einzelnen Stadt, welche durch ihren engen Anschluß an das blühende Nürnberg vorbildlich ist und welche den seltenen Vorzug genießt, ein Archiv zu besitzen, dessen Akten weder durch die Beamten späterer Jahrhunderte, noch durch Feuer und Krieg verwüstet worden sind. Schlackenwald, (Schlackenwald bei Karlsbad, spätere Schreibweise „Schlaggenwald") gegründet von Schlakko von Rysenburg, ist heute ein stilles Landstädtchen. Im 16. Jahrhundert spendete das Bergwerk so reichen Segen, daß die Stadt bald mit Freiberg i. S. und jenem Joachimsthal, wo die ersten „Taler" geprägt wurden, wetteifern konnte.
Im Laufe eines Menschenalters entstand inmitten der Waldeinsamkeit eine mächtige Gemeinde, welche jährlich bis zu 8000 Goldgulden für die städtischen Bedürfnisse verwendete, starke Kriegssteuern ausschrieb und großen Grundbesitz erwarb. (Man beachte, daß zu jener Zeit ein behäbiges Bürgerhaus 200 bis 400 Goldgulden kostete.) Wir halten uns bei unseren nun folgenden Schilderungen ausschließlich an die Akten des Schlaggenwalder Archives, welche über die wichtigen Beziehungen des Lebens vollen Aufschluß geben.
I. Das Bergwerk und die freie Bergstadt.
In den letzten Jahrzehnten des Mittelalters hatte das Bergwerk eine hervorragende Stellung in Mitteleuropa errungen. Die weltlichen wie die geistlichen Herren, alle hatten ein besonderes Interesse an den Bergschätzen und an diesen gewagten Unternehmungen, wie heute in Amerika; jeder träumte von goldener Ausbeute und hoffnungsreichen Bergwerksactien. Da das Bergwerk den Grundherren bzw. der Krone den Zehend geben mußte, wetteiferten Könige und Landesherren, möglichst viele Kräfte an ihre Scholle zu fesseln und erteilten „Freiheiten", Befreiung von Abgaben, von Frohndienst usw. Das waren Magnete, die das Volk mächtig anzogen.
In Schlackenwald begann der Bergsegen mit dem 16. Jahrhundert; vom Egerland, von Bayern und Sachsen strömten die Leute zu.
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