Die Rumpelbuben und das Osterschießen
Noch ist es dämmerig in der Gasse. Die Umrisse der Häuser sind wie schwarze Striche in den Raum gezeichnet. Aber da huschen emsig — wie Schatten ähnlich — kleine Wesen über das holperige Pflaster. Man hört sie an den zappeligen Schritten, die durch das grobe Schuhwerk ein Echo in der Gasse hinterlassen, dahineilen.
Sonst ist es ganz still an diesem frühen Tag. Irgendwo wird ein „Guzerl" geöffnet und eine Frauenstimme ruft: „Daßt ma fei(h) afpaßt!" Der Zuruf galt vermutlich einigen koboltartigen Gestalten, die sich rasch dahinbewegten. Eine Katze streicht die Häuserflur entlang, ihr Miauen hört sich kläglich an. Ob sie der Partner verlassen hat, oder ob sie eingelassen werden will? Der Morgen ist frisch und das warme Plätzchen am Ofen dürfte beim Klang der Frauenstimme in der Katzenerinnerung aufgetaucht sein.
Langsam wird es heller, aber der Dunst der frühen Morgenstunde hat sich noch nicht aufgelöst! Da plötzlich durchbricht ein Kommando, von einer Bubenstimme gegeben, die Stille in der Gasse. Ein Getöse beginnt, ein Klappern, Ratschen und die Rumpelkasten vereinigen ihre Töne zu einem eigentümlichen Geräusch, das allerdings mit anderen instrumentarischen Klängen nicht zu vergleichen ist. Da ein Pfiff und still ist es wieder.
Plötzlich wieder das gleiche Kommando wie vorher und von neuem setzt das Geknatter und Getöse ein. Jetzt ist es schon etwas näher zu vernehmen. Auch ist es schon hell geworden. Dunst und Dämmerung haben sich aufgelöst.
Da biegen die Buben in einem geordneten Zug um die Ecke. Voran die großen Buben mit den Rumpelkästen. Mancher Kasten scheint sich schwer schleppen zu lassen und verursacht dem Leiernden größere Schwierigkeiten. Aber der Takt des Leierns, das Schlagen des Klapperhammers und das Drehen der Ratschen ist einwandfrei, obwohl die Kleinsten am Schluß des Zuges sich sehr bemühen müssen, um den Vorangehenden folgen zu können.
Richtig, es ist ja Osterwoche, die Karwoche — Karfreitag. Die Weckeruhr auf der Komode zeigt die 6. Tagesstunde an. Draußen ist es schon so hell geworden, daß man die Gesichter unter den Mützenschirmen erkennen kann. Alle Buben stammen aus derselben Gasse. Im gleichen Tritt und im Rhythmus ihrer drehenden und schlagenden Instrumente bewegt sich der ansehnliche Zug auf die Dreifaltigkeitsstatue zu. Dreimal marschieren sie um diese herum. So manches Fenster und „Guzerl" wird geöffnet. Man kann die Mütter mit den Kleinsten am Arm dahinter stehen sehen. Wieder ertönt ein scharfer Pfiff und plötzlich ist es still. Einige Tauben fliegen in diesem Augenblick über den Platz und dem Dach des „Drei Linden-Gasthauses" hinweg, als wollten sie die Versammlung begrüßen. Nur das Flügelgeräusch ist wahrzunehmen, so still ist es in diesen Sekunden. Wie auf ein geheimes Zeichen werden alle Mützen von den Bubenköpfen heruntergenommen und alle lassen sich zugleich auf die Knie nieder. Darauf hört man das „Vater unser" deutlich und rein in den Morgen erklingen. Man spürt das Feierliche, das von dieser knieenden und betenden Gruppe ausstrahlt und plötzlich ist es wie Frieden in einem. Es ist eine heimliche Freude auf das Osterfest. Alle Bedrängnisse, die einem in den letzten Tagen bedrückten, sind auf einmal nicht mehr da. War es das Gebet der Buben?
Diese natürliche Gottesverehrung an dem frühen Karfreitagmorgen? Eigentlich ist es beschämend, daß man als Erwachsener erst von den Kindern hingeführt werden muß, um sich selbst wiederzufinden, um zu erfahren, wo Trost zu suchen und zu erhalten ist. Die plötzliche Bewegung der Gruppe, die sich erhebt und wieder aufstellt,
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