Mit seinem freundlichen Gesicht verstand er es ausgezeichnet, uns Buben das Tier- und Pflanzenreich nahezubringen. Nur ein Lehrer war mir völlig ohne Grund nicht gut gesinnt; er nannte mich immer „Matsch". Seinen Namen will ich hier höflich verschweigen.
Kam ich während der schönen Jahreszeit vormittags um 11 Uhr aus der Schule, so fand ich daheim bei der Tante Haschke meistens einen Zettel auf dem Tisch neben dem Teller mit Gries- oder Reisbrei: „Bin im Wald dort und dort, nimm den Korb und komme nach". Da um zwei Uhr nachmittags wieder der Unterricht begann, mußte ich mich beeilen. Meine Eltern durften es gar nicht wissen, daß ich während der Mittagspause mit dem Buckelkorb Holz aus dem Walde holen mußte; sie hätten mich sonst wieder nach Klösterle genommen. Der Onkel schimpfte zwar, er wollte es nicht haben, daß ich in den Wald nach Holz ging. Die Tante selbst hat sich mit dem Holzholen die Gesundheit ruiniert und starb wenige Jahre später, im Herbst 1901.
Gewiß, das Geld wurde damals nicht so leicht verdient als heute. Den Kreuzer drehte man zehnmal um, bevor man ihn ausgab. Dies traf besonders auf die mittellosen Familien mit vielen Kindern zu. Da meine Tante keine Kinder hatte, war hier die Sparsamkeit schon etwas übertrieben. Die Leute verstanden es einfach nicht, sich das Leben angenehm zu gestalten. Als ich in Schlaggenwald weilte, wurde auch viel von dem geplanten Bau einer Eisenbahnlinie Elbogen-Schlaggenwald-Schönwehr gesprochen. Da gab es genug Leute, die dem Bahnbau ablehnend gegenüber standen, obwohl die Bahn doch bedeutende Vorteile brachte.
In der Freizeit trieben wir Buben uns gern am Galgenberg oder beim Wolfshof herum. Auch die eingefallene Ringmauer der Richtstätte war oft das Ziel unserer Streifzüge. Schlaggenwald selbst blieb mir in guter Erinnerung. Ich sehe heute noch das Rathaus mit den drei Wappen an der Frontseite, die schöne Krippe in der oberen Kirche und die vielen altertümlichen Häuser, deren Dächer damals noch mit Holzschindeln gedeckt waren. Auf dem Weg zur Knabenschule kam man an dem Schlachthof vorbei, wo damals jeden Freitag die Juden ihr Vieh noch schächteten, bis dies später verboten wurde. So könnte ich noch viel von dem lieben Schlaggenwald der neunziger Jahre erzählen.
Groß war daher meine Freude, als ich voriges Jahr von dem Bestehen des Schlaggenwalder Heimatbriefes Kenntnis erhielt, den ich sogleich bestellt habe. Fühle ich mich doch mit der Bergstadt Schlaggenwald und ihren vertriebenen Bewohnern auf das innigste verbunden.
Bleibt der HEIMAT und dem HEIMATBRIEF treu!
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