Am Glockenberg
Das heutige Titelbild zeigt uns den Glockenberg mit der St. Georgskirche und dem Glockenturm, an dem das Totenhäusl angebaut ist. Im Vordergrund sehen wir einen der beiden „Stodl", die dort gestanden haben. Auf dem „Stodlplatzl" am Glockenberg tummelten sich im Frühling und Sommer die Kinder vom nahen Kaunitz und der Kirchstaffel. Zuweilen wurden hier oben auch kriegerische Fehden zwischen den Seifertsgrüner und Leßnitzgassner Buben ausgetragen. Der Glockenberg war ferner der Ausgangspunkt für allerhand Streifzüge in die Natur, die sich bis zum Dechantteich und das Wiesental erstreckten. Obwohl damals der Werbespruch „Eßt mehr Obst!" noch unbekannt war, wurden die Obstbäume am Ettner Berg, der sich an dem Glockenberg anschloß, im Spätsommer und Frühherbst oft genug von einigen Buben heimgesucht.
Vom Glockenberg aus konnte man auch den fahrenden Zug unserer Lokalbahn schon vom Stellerlwald an aufwärts, über die Peint zum Bahnhof und von hier über die Viadukte bis hinter den Kugelhof verfolgen. Besonders schön war es, wenn das Züglein aus dem Tunnel herauskam und dann bei der Pfarrhöhe an uns vorüberpfauchte. Ein harmloses Vergnügen für uns Buben in einer Zeit, in der eine alte Dampflok noch als ein technisches Wunder galt.
Ein herrliches Panorama bot sich dem Besucher von der Höhe des Glockenberges. Es reichte vom Galgenberg bis zum Krudum und Spitzberg. Von der im Tal liegenden Stadt sah man die Donner, den Zehentplatz mit den angrenzenden Gassen und Straßen, so die Bahnhofstraße mit dem Bahnhof, einen Teil der Oberen Gasse, die Peint und die beiden Turnplätze, den Schödlhof und weiter zurück die zwei Kapellen. Davon ist heute vieles verschwunden, neue Gebäude sind dort aus dem Boden gewachsen, die man vom Glockenberg aus deutlich sehen kann.
Wenn die Bewohner der Seifertsgrün, der Donner oder der Oberen Gasse schnell in die Leßnitzgasse wollten, dann wählten sie den kurzen, aber etwas beschwerlichen Weg über den Glockenberg, der durch das enge, steile und ominöse Seidlgassl führte. Auch beim Seifertsgrüner Viadukt schlängelte sich ein schmaler Pfad zum Glockenberg, der das Stadtgebiet in südöstlicher Richtung abschloß. Hier oben befindet sich auch die letzte Ruhestätte unserer Vorfahren, der von einer Mauer umsäumte Friedhof. Am Glockenberg bekam man Leben und Tod in einer recht besinnlichen Weise vor Augen geführt, denn hier lagen Gegenwart und Vergangenheit eng beisammen. Nur die Zukunft, die konnte man auch am Glockenberg nicht sehen. Und das war gut so.
Marterer
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