Zeugen der Vergangenheit Wegweiser der Zukunft
In einer Welt, die nur noch äußerlich glänzt, finden wir uns am Sudetendeutschen Tag zu Stunden der Freude und der Besinnung zusammen. Zur Freude deshalb, weil uns vielfach das Glück des Wiedersehens trägt; zur Besinnung, weil wir die Aussprache untereinander in diesen Tagen mehr als früher suchen.
Sicher steht mit dem deutsch-tschechoslowakischen Vertrag ein Teil unseres eigenen Schicksals zur aktuellen Debatte. Wir sorgen uns aber nicht nur um uns, was wird aus Deutschland, was wird aus den alten Heimatländern, was wird aus Europa?
Haben wir uns vergebens um Frieden und Freiheit im Heim, im Betrieb, in der Gemeinde, um Wahrhaftigkeit im öffentlichen Leben, in der Schule, in Kunst und Wissenschaft bemüht? Sind die Träger des Karlspreises, der Kultur- und Volkstumspreise, die wir alljährlich auszeichnen, nicht Künder des Beitrages, den wir seit 1945 zur Regeneration des allgemeinen Lebens lieferten?
Weil dieses Leben von außen und von innen gefährdet wird, ist die Bedrohung unserer Rechtsbasis durch einen Vertrag nur ein Teilaspekt. Ebenso gefährlich wie die Annullierung historischer ist die Annullierung gegenwärtiger Rechtspositionen.
Was anderes aber liegt den Forderungen nach Systemveränderung zugrunde, die unser Dasein heute und jetzt auf das Niveau der Kollektivierung zurückführen wollen, dem wir am Ende des Krieges entrinnen konnten? Wir verloren damals die Heimat, die Tschechen — so sagt man — verloren die Freiheit. Schicken wir uns indes nicht mächtig an, dem Verlust des einen hohen Gutes den Verlust des noch höheren Gutes folgen zu lassen?
Solche und andere Fragen erheischen eine Antwort, die wir aus der Erfahrung des eigenen Erlebens geben können. Als Zeugen der Vergangenheit sind wir Wegweiser der Zukunft geworden. Wir wissen, wie das Leben aussieht, das nach den Parolen des doktrinären Marxismus-Leninismus gelenkt und vollzogen wird. Wir kennen die Saat, die aus dem Bruch des Selbstbestimmungsrechtes erwächst. Wir kennen sie aus den Zwängen der Jahre 1918/19, die uns gemeinsam mit den Menschen an der Etsch und anderen europäischen Volksgruppen trafen. Wir haben aus ihnen gelernt, daß weder Klassenkampf noch Nationalitätenkampf ein freies Leben erzeugen. Wir sind Befürworter der Partnerschaft nach innen und außen geworden und in diesem Sinne Pioniere einer jugendlichen Welt.
Mögen andere Kongresse in deutschen Landen den Namen der Jugend mißbrauchen. Der Sudetendeutsche Tag 1973 versteht sich als eine Zusammenkunft der Jugend und des Alters vor allem aber als ein Kongreß der Freiheit — ohne Show, militärische Aufmärsche und Fanfaren! Das Sonnenland der Südtiroler gibt ihm dazu das Geleitwort. Das Schicksal dieser und unserer Volksgruppe wird allen, die guten Willens sind, mehr als nur ein Geleitwort sein.
Dr. WALTER BECHER, MdB
Sprecher
der Sudetendeutschen Landsmannschaft
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