Wie sauber und gepflegt waren daheim unsere Dörfer im ganzen Kirchsprengel. Fast jeden Hof zierte ein Obstgarten, und wie herrlich leuchteten die reifen Früchte durch das grüne Laub, wenn an einem solchen Garten Fußgänger vorbeispazierten. Mancher Bub konnte einer solchen Lockung nicht widerstehen. Flugs war er den Stamm hochgeklettert, und schnell waren die Taschen vollgestopft. Erwischen durfte man sich natürlich auch da nicht lassen.
In unserem Kirchsprengel wurden nur wenige Orte von ausgebauten Straßen berührt. Überhaupt waren die Dörfer im Egerland meistens etwas abseits der großen Durchgangsstraßen angelegt gewesen, es ging eine seltsame Ruhe von ihnen aus. Wie oft lauschte ich dem Glöckchen von Leßnitz, wenn es die Mittagsstunde verkündete oder zum Abendgebet rief. Je nach Windstärke konnte man das Glöckchen vom Dorf beim Weg von unserer Stadt nach Töppeles wimmern oder jauchzen vernehmen. Es begleitete einem vom ersten Wegkreuz ab in Richtung Töppeles oder vom Bildstöckl ab in Richtung zur Stadt. Diesen Weg habe ich zu allen Jahreszeiten und Tageszeiten zurückgelegt. Schön eingebettet zwischen sanft ansteigendem Gelände lag das Dörfchen da. Viele hohe Bäume, deren saftig-grünes Laub sich vom blauen Frühsommerhimmel abhob, durchbrach die schwarzgeteerten Dächer der mächtigen Höfe und die weißgekalkten Hauswände schimmerten vertraulich hervor. Wenn ich einen hiesigen Bauernhof im Spessartgebiet vergleiche, so schneidet dieser sehr schlecht ab. Ich denke, daß diesbezüglich viele Landsleute mit mir übereinstimmen, die Gelegenheit hatten, näher damit Bekanntschaft zu machen. Wie gepflegt waren die großen Stuben. In dem mächtigen Herd brannte immer ein Feuer. Und die Bäuerinnen — solche waren sie in der Tat — wußten darauf zu hantieren und etwas Schmackhaftes auf den Tisch zu bringen. Auch das Vieh war gepflegter. Mit Einstreu wurde da nicht gegeizt und so waren die Tiere immer sauber und keine verdreckten Kuhschwänze schlugen der melkenden Magd in das Gesicht. Von TBC ist mir auch nichts in Erinnerung, daß diese sich verbreitet vorgefunden hat. Soweit ich die Ställe daheim in Erinnerung habe, waren diese hell und luftig und wurden oftmals gekalkt. Nun heute schafft man großartige Aussiedlerhöfe. Ähnliche hat es aber bei uns schon immer gegeben. Der Windhof war ein solcher. Somit waren wir den heutigen Verhältnissen auch einige Schritte voraus. Es gäbe noch so manches aufzuzählen, was daheim doch schöner und besser war. Aber mittlerweile haben die Vertriebenen sich doch wieder einen Platz geschaffen, auf dem ihr Werken und Wirken sehr schöne Früchte bringt. Natürlich wurde als Opfer die einstige Zufriedenheit dahingegeben.
Wer würde heute noch so leben wollen wie wir Älteren es noch kennen. Diese Genügsamkeit von damals kann man nur noch den Chinesen zubilligen. Unsere Ansprüche sind heute eben ganz andere. Wer wollte heute auf das Bad verzichten, das er genießen kann, wann es ihm nur Spaß macht. Wer würde noch im Waschtopf das Wasser am Samstag am Küchenofen erhitzen und den Waschtrog reinholen? Ja, das waren die Zeiten. An die sollten wir aber auch denken, wenn uns die heutige Lebensart beängstigen sollte.
Viele Landsleute haben es doch wieder zu ansehnlichem Wohlstand gebracht. Wollen wir nur hoffen, daß es keine Rückschläge gibt und daß uns der Frieden erhalten bleibt. Bald wird die Eingliederung aller vollzogen sein. Unsere Nachkommen haben heute schon das Gefühl des Fremdseins nicht mehr. Sie werden zur Befruchtung der gesamten Nation erheblich beitragen. Allmählig, aber sicher, werden die alten Heimatländer der vertriebenen Deutschen aufgegeben. Ob sie aber jemals diese Blütezeit wiedergewinnen werden, die unsere Länder aufzuweisen hatten, bleibt dahingestellt. Auf alle Fälle hat das vergangene Vierteljahrhundert dort sehr traurige Verhältnisse geschaffen. Der Mensch hat dort seine Freiheit verloren und die Natur muß die Verödung manches kultivierten Fleckchens ertragen.
H. Brummeissl
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