„Gebrenn", die wir schon fast vergessen hatten, wieder ins Blickfeld der Ereignisse.
Daheim wußte sich jeder, der Hände und einen Handwagen hatte, gegen Brennholzmangel zu helfen. Wer sich zeitig vom Frühjahr an ums Holz kümmerte, brauchte dann im Herbst den Winter nicht zu fürchten. Und Leute mit Humor meinten sogar, Holz mache schon vor dem Einschüren mindestens fünfmal warm: fällen, sägen, hacken, aufrichten, zur Feuerstelle bringen. Nach der Vertreibung aus der Heimat suchten wir Unterschlupf und fanden ein neues Zuhause. Die Welt war im Wandel, und wir stellten uns darauf ein. Die Beschaffung des Winterholzes, die damit verbundene Mühe, das Kohlenholen, das Feueranmachen, Aschekastenleeren, das schmutzige Ofenputzen, all das konnten wir gegen Ende der 50er Jahre, als es uns wieder besser ging, hinter uns lassen. Der kaum zehn Jahre alte Handwagen – Baujahr Währungsreform – kam in die Remise, Hacke und Säge rosteten vor sich hin, unser „Gewußt wie" war nicht mehr gefragt, und aus den Holzschuppen wurden Garagen.
Mit dem neuen Ölofen – der Liter Heizöl kostete 0,40 DM, einer Kanne und einer Handpumpe fürs 200-Liter-Faß als Erstausstattung, hat es dann begonnen. Fortschrittlich und modern ging man daran, nach und nach die Häuser zentral mit Strom, Öl und Gas zu beheizen; der Automatik überließen wir Arbeit und Denken.
Viel kostbare Zeit war gewonnen. Um das Glück perfekt zu machen, schickte ein gütiger Himmel den Fernseher in die Stuben. Der Komfort hielt überall Einzug. Doch schon bald erhoben sich Zweifel an dem mit allen Bequemlichkeiten ausgestatteten modernen Lebensstandard. Man merkte, daß dieser Fortschritt auch auf Heller und Pfennig zu bezahlen war.
Bewegungsmangel behob man auf Heimtrainern und Trimm-dich-Pfaden, doch der für Haut und Kreislauf wichtige Temperaturwechsel und Kältereiz war in den vollbeheizten Häusern und selbst auf den Toiletten (früher „Abtritt") nicht mehr gegeben.
Wer vermißte nicht den Weg über den zugigen Hof oder den luftigen Gang entlang, wenn er „einmal mußte"?
Gerne begaben wir Neubürger uns zu den qualmenden Grillplätzen und genossen die aufgesprungenen „ledernen" Bratwürste. Rauch und „Feierl" lieferten ein wenig Illusion nach dem Glück jugendlicher Erlebnisse von einst. Wir sahen wieder die knisternden, flackernden Flammen unter der zersprungenen Herdplatte und hinter der alten, klapprigen Ofentür. Wie trockenes Holz prasselte, wie ein Ofen „zieht", wie er brennt, wie Funken springen (kommt jemand auf Besuch?), Platten glühen und wie der Wind um den Schornstein „höint" – all das erlebten wir nur noch in unserer Erinnerung. Und um den verlorengegangenen Kontakt zum Nachbarn zu finden, wollten wir gerne wieder wie früher „hutschngöih", aber wir hatten – wie im Märchen – dazu den Schlüssel „vatrallert". Waren wir etwa früher, daheim, reicher, weil wir weniger hatten?
Um die Bedenken und Sorgen zu einer ungewissen Zukunft zu vermindern, sollten wir an die große Zeit von Holz und Kohle erinnern und Vergangenes wieder ein wenig vergolden. Beim Nachdenken fallen uns dazu viele Dinge ein, verbunden mit ebenso vielen Erlebnissen: Reisigh, Koustln, Rindn, Schwårtn; Strah u Büschala, Spriezala u Spanla, Stöck u Stangla, Holzbuak u Håckstuak, Pech u Pechkuhln, Glånzkuhln, Kaisaschåcht, Åltso(dl, Granasau u Gröi(nlas.
Es ist nach so vielen Jahren und weit weg vom Ort des Geschehens nicht leicht zu beschreiben, wie sich jung und alt, Männer und Frauen, für eine warme Stube geschunden haben! Mein damals Erlebtes wieder lebendig werden zu lassen, ist einen Versuch wert.
Es begann damit, daß der Ortspolizist Krebs „austrummlt håut": „Kundmachung! Brennholz wird verlizitiert. Zusammenkunft Dienstag um halb drei Uhr, Treffpunkt am Alisteich."
Der Großvater ging am genannten Tag mit, um zwei Festmeter Fichtenholz zu ersteigern. Tage danach richtete er den „Hudlwogn" her, schmierte die Radachsen, hängte Ketten unter den Wagen und den Hemmschuh dazu und legte Strick und Hacke bereit. In die „Huasntåschn" kamen noch „a Strickl, a Messer, a Nogl". „Pfeiftowak, Zündhölza verstaute er in da „Ruacktåschn". Die beiden Kühe bekamen „as Stirnbladl" um und wurden vor den Wagen gespannt. Es ging in den Wald. Ich durfte mitfahren.
Da die Fahrt weit über den täglichen Weg auf das Kleefeld hinausführte, war ich als „klana Bou" voll großer Erwartung. Wir verließen den Ort über die „Sockgåß". Als es in die Seifen hinunter, am Alisteich vorbei, die Schneisen nahe der Waldandacht wieder hinaufging, merkte der Ubl-Såttler, daß er sich verfahren hatte. Er wollte nicht mehr umkehren und suchte mit dem Kuhgespann eine Abkürzung quer durch den Wald. Bald mußte der Wagen hinten nach links, bald nach rechts gerückt werden. Manchmal ging es dabei mehr rück- als vorwärts. Ärgerlich und peinlich wurde die Sache erst richtig, als plötzlich der Hoffmann Seff, da Hiagha, auftauchte, sich mit dem Hinterteil auf seinen Stecken stützte, schmunzelnd den Kopf schüttelte und in seiner bedächtigen Art anfing: „Nu, Pepp, du åls ålta Schlåggawåla, fiahst a nuch an vakäihatn Wegh! Nu suawos! Nu suawos!" Beide lachten, und ich lernte dort ein Schlaggenwalder Original kennen.
Wenn ich an die Handwagen, an die zweirädrigen Karren und an die hochbeladenen Bucklkörbe denke, die ältere Frauen gebückt nach Hause schleppten, dann frage ich mich schon, ob nicht doch zwei Kühe oder ein Ochsengespann zum Fahren wieder einmal besser sein könnten als ein kostspieliges Auto. Wie überlegener solch ein Fuhrwerk auch denen ist, die selber eine Bandschlaufe um die Schulter und die Hand an die Deichsel legen mußten oder mit zwei kräftigen Hunden die Kohlen das gewundene Zechtal hinaufzogen, war halt auch nur ein Notbehelf!
Die guten alten Öfen mit „Håfm" (Wasserschiff) und „Räiha", unten gemauert, oben mit Kacheln, heizte man mit verschiedenen Brennstoffen. In der wärmeren Jahreszeit eignete sich Reisig am besten. Wie auf einer Schnellkochplatte war damit rasch gekocht, aber die Platten waren auch bald wieder kalt. Im Sommer holte man einen Leiterwagen Fichtenäste, hackte sie auf die richtige Ofenlänge und band sie mit Strohbändern zu „Büschalan".
Im Herbst fuhr der Ubl-Großvater noch einmal um eine Ladung Kohlen nach Altsattl. Wieder war ich dabei. In der Zech war es am Morgen schon sehr kühl. Mich fror auf dem Heusack auf der Hudl. Bei dieser gemächlichen Fahrt machten die schwarzen Schornsteine der Porzellanfabrik H & C, der hohe Nallesgrüner Viadukt und die steilen Hänge beiderseits des Flutbaches (da Flout) auf mich einen tiefen Eindruck. Der Zug pfiff vom Berg herüber, ratterte über die eiserne Kastenbrücke der unteren Zech und verschwand danach im Dunkel des gemauerten Tunnelportals. Wir sahen durch die Laubbäume die Stadt Elbogen über dem Egerfluß und darüber die mächtige Burg. Ab und zu überholte uns ein Kohlenauto. War es der Schindler Hermann oder der Kreis Mani? Kohlenhändler mit ihren Pferdefuhrwerken waren in der gleichen Richtung unterwegs. Staunend betrachtete ich den weiten Bogen der neuen Brücke über die Eger, bevor es weiter im gleichmäßig-ruhigen Gang die Kurven am Taubmtoffl nach Altsattl hinaufging. Bald weckten das Bergwerk und die Seilbahn hinter dem Ort meine Aufmerksamkeit.
Während wir warteten, bis unser Wagen beladen wurde, aßen wir Brot, tranken Kaffee aus der im Kopftuch eingewickelten Patentflasche und legten den Kühen das Heu vor. Großvater unterhielt sich mit den Fuhrleuten, und ich sah mich bei den Gespannen und Werksanlagen ein bißchen um. Manche Fuhrmänner füllten noch mehrere Säcke mit Kohlen und legten sie auf die Ladung. Auf unserem Wagen war nun kein Platz mehr für mich, also mußte ich heimwärts zu Fuß laufen. Bis Elbogen bediente ich die hintere „Schleif" (Handbremse) und konnte mich hin und wieder auf die „Långwied" setzen, eine starke Stange (Balken), die Vorder- und Hinterwagen verbindet.
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