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rie den Ort als Übungsziel unter Beschuß nahm und weitgehend zerstörte. (S. auch Beitrag: „Lauterbach-Duppau, ein Schicksal“ im Heimatbrief Nr. 1/2002!) Inzwischen ist das Bergland auch als mögliche Endlagerstätte für radioaktive Abfälle von Atomkraftwerken im Gespräch!
Der tschechische Reiseleiter, der gut deutsch spricht, ermahnte uns, auf den erkennbaren Wegen zu bleiben. Grund: Vor kurzem habe eine belgische Nato-Einheit hier geübt und scharfe Munition verwendet; dabei seien einige Geschosse Blindgänger gewesen und nicht mehr gefunden worden.
Anschließend quälte sich der Bus den steilen Hang des Dürmauler Berges zum Johannisberg (744 m) hinauf, der uns mit einer guten Fernsicht rundum belohnte. Bei der Rückfahrt nach Pirkenhammer machten wir einen kurzen Abstecher nach Rodisfort und bewunderten die Kastenbrücke über die Eger aus dem 14. Jh. mit ihrem hölzernen Überbau. Den abendlichen Mittelpunkt in der Alten Mühle bildete das Buchtelbacken der Teilnehmerinnen.
Duppau, 570 m Seehöhe, in der Luftlinie gerade mal 26 km von unserem Schlaggenwald (584 m am Bhf.) entfernt, hatte 1930 etwa 1.500 Einwohner (3.300), davon jeweils ein Prozent Tschechen, war Sitz eines Amtsgerichtes und besaß ein bekanntes Stiftsgymnasium mit Internat.
Erdgeschichtlich im Zeitalter Tertiär (Miozän, Oligozän), also vor etwa 25 Mio. Jahren, beherrschte ein 2.000 m hoher, kegelförmiger Vulkan das Gebiet südlich des Erzgebirges. Seine Ausbrüche (Eruptionen) formten das gesamte Basaltgebirge und hinterließen einen Krater (Caldera) von rd. 5 km Durchmesser. (Basalt ist ein dunkles, schweres Eruptivgestein.) Die höchsten Erhebungen sind heute: Burgstadl (934 m) und Ödschloß (925 m); unser heimischer Krudum im nahen Kaiserwald bringt es nur auf 838 m.
Der nächste Tag, ein Sonntag, sollte uns bis in das Brüxer Becken führen. Wir warteten am Flüßchen Tepl auf unseren Bus.
Das friedliche, zahme Plätschern dieses breiten Baches kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß seine gelegentlichen Hochwasser vor allem Karlsbad heimsuchten und verheerten. Erst der Bau der Talsperre in den Jahren 1931 bis 1935 bändigte die wilden Ausbrüche der Tepl. Wir fuhren an dem beeindruckenden Wasserbauwerk langsam vorbei. Die Sperrmauer ist 220 m breit und 30 m hoch, die Staulänge beträgt je nach Wasserführung bis 3 km. Respekt! Über Schlackenwerth und Klösterle, vorbei an Kaaden, gelangten wir nach Komotau, wo wir am Gottesdienst in der Dekanal- und Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt teilnahmen. Der junge Geistliche erwartete und begrüßte uns auf deutsch. Er stellte uns den übrigen Kirchgängern vor. Wir belegten als Gruppe die freien Plätze, um unsere Teilnahme auch stimmlich, soweit möglich, zu betonen. Geschulter Chorgesang und Orgel begleiteten die Liturgie in tschechischer Sprache. Bedeutsame Texte und Gebete, so das Vaterunser, wiederholte der Priester auf lateinisch (nach tridentinischem Ritus), so daß wir, des Kirchenlateins noch kundig, einstimmen und folgen konnten. Dadurch erhielt die Messe einen besonderen, feierlichen Akzent. Eine feine Geste, gut gemacht! Eine kurze Maiandacht am Seitenaltar beendete den Gottesdienst in der spätgotischen Hallenkirche.
Sie war an diesem Sonntagvormittag nur mäßig besucht, was wohl kaum verwundert, gehört doch der überwiegende Teil der Bevölkerung keiner Glaubensrichtung an; lediglich etwa 20% sind christkatholisch orientiert und befinden sich somit in der Diaspora. Das Land bedarf eigentlich der Missionierung, was bei den hartgesottenen „Ungläubigen“ auf wenig Gegenliebe stoßen würde. Aber Hand aufs Herz: Wie sieht es denn bei uns aus? Übrigens: Anwesende heimatverbliebene Deutsche gaben sich nicht als solche zu erkennen.
Komotau (Chomutov), Bezirksstadt und bedeutender Bahnknotenpunkt, hatte 1930 etwa 33.000 Einwohner, der deutsche Anteil betrug rd. 85%. Am langgestreckten Marktplatz steht an einer Schmalseite eine hohe Dreifaltigkeitssäule mit Sandsteinstatuen von Heiligen, auf der anderen dämmert die St.-Ignatius-Kirche, eine frühere Jesuitenkirche, geschlossen vor sich hin, denn sie steht buchstäblich leer. In Stadtnähe befindet sich der Alaunsee (16 ha), der aus dem Grundwasser des Alaunbergwerks entstand.
Am späten Vormittag setzten wir unsere Fahrt fort. Der Himmel hatte sich eingetrübt, es begann zu nässeln. Wir näherten uns dem Braunkohlengebiet von Brüx. Rechts und links säumten immer wieder ausgedehnte Industrieanlagen unseren Weg. Den kegelförmigen, bewaldeten Schloßberg (411 m) überragt die Landeswarte (Burg). Wir besichtigten die dreischiffige gotische Dekanalkirche Mariä Himmelfahrt, die allein auf weiter Flur in einem parkähnlichen Umfeld steht. Die kundige Führung und ein im Untergeschoß der Kirche gezeigter Film gaben uns auf deutsch darüber Aufschluß, daß das kunstgeschichtlich wertvolle Gotteshaus 1975 mit Mitteln der UNESCO von seinem alten Standort 860 m weit verschoben wurde, weil es dem Abbau mächtiger Braunkohlenflöze im Wege war und ein Abriß nicht in Frage kam. Einige Einzelheiten: Verladung der Kirche auf 53 4achsige Fahrgestelle, Verschub 2,16 cm pro Minute vom 30.9. bis 27.10. auf einer 160 m langen Transportbahn, die hinter dem Sakralbau demontiert und vor ihm wieder montiert wurde.
Die Altstadt von Brüx mußte gänzlich weichen, eine neue Stadt entstand. –
Inzwischen hatte leichter Regen eingesetzt, der das Fotografieren behinderte. Rasch suchten wir den nahen Gasthof auf, wo das vorbestellte Mittagessen auf uns wartete.
Brüx (Most, zu deutsch: Brücke), Bezirksstadt, seit 1811 Kohlerevier, Zentrum für Handel, Gewerbe, Schulen, 1930 28.000 Einwohner, deutscher Anteil 65%; 1939 Errichtung eines Hydrierwerkes zur synthetischen Herstellung von Benzin aus Braunkohle in Maltheuern.
Bei der Weiterfahrt kamen wir am Borschen (837 m), ebenfalls vulkanischen Ursprungs, vorbei, streiften den Bade- und Kurort Bilin am Rande des Böhmischen Mittelgebirges und erreichten nachmittags die Bezirksstadt Dux am Fuße des östlichen Erzgebirges. Ein Besuch des Schlosses war vorgesehen, das in mehreren Stilrichtungen um- und weitergebaut wurde, anno 1835 Treffpunkt des österreichischen Kaisers Ferdinand I., des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. und des russischen Zaren Nikolaus I. war und lange Zeit der Familie von Waldstein gehörte.
Die Schloßführung übernahm eine junge Dame, die ausgezeichnet und akzentfrei deutsch sprach. Kunststück: Es stellte sich heraus, daß sie eine exzellente Lehrerin hatte, nämlich ihre deutsche Großmutter. Bravo! Sie führte uns durch lange Flure mit einer Vielzahl von Gemälden, zeigte uns in der Flucht zugänglicher Räume des Schlosses Wohn-, Schlaf- und Spielzimmer der Bewohner, erzählte interessante Einzelheiten aus der Geschichte der gräflichen Besitzer und ihres bekannten und berühmten Gastes: Giacomo Girolamo Casanova (1725-1798), der die letzten 13 Jahre seines Lebens als Bibliothekar des Grafen Waldstein auf dem Schloß verbrachte. Legendär ist seine Flucht 1756 aus den Bleikammern des Kerkers in Venedig. Er starb in Dux. Man fand den Grabstein, die Grabstelle ist unbekannt. Im Sterbebuch fehlen die damals üblichen Angaben zur Todesursache und zum Ort der Bestattung des italienischen Abenteurers und Literaten.
Als wir uns zum Abschluß in der Bibliothek aufhielten, bat unsere Begleiterin um absolute Ruhe und mit gedämpfter Stimme um äußerste Konzentration auf die Persönlichkeit Casanova, weil wir dann, und nur dann, eventuell mit seinem Erscheinen rechnen könnten. Im Nu herrschte völlige Stille. Ich war auf etwas Außergewöhnliches gefaßt. Und wirklich – plötzlich öffnete sich neben mir wie von Zauberhand die Bücherwand, eine Geheimtür tat sich auf – und da saß in einer kleinen Kammer wie leibhaftig Casanova am Schreibtisch, über Schriftstücke gebeugt, und schrieb bei Kerzenlicht an seinen Memoiren! Überraschung geglückt!
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