Landwirtschaften, Kleintierhaltungen und die gute Nachbarschaft zu unseren Dörfern sicherlich nicht zu leiden. Einseitige, oftmals vitaminarme Ernährung mag jedoch zu mancher Anfälligkeit und Schwächung der Abwehrkräfte beigetragen haben.
Rachitis, die englische Krankheit, eine Folge des Fehlens von frischer, vitaminreicher Nahrung und Sonne, die bei Kindern zu Knochenerkrankungen und damit einhergehenden Verunstaltungen der Gliedmaßen führt, war verbreitet. Mancher wird sich dabei an den abscheulich schmeckenden Löffel reinen Lebertrans erinnern. Gleichfalls muß an die Tuberkulose (Schwindsucht) erinnert werden, welche durch die Milch befallener Kühe (Perlsucht) oder durch Ansteckung hervorgerufen wird. Furunkel und Abszesse, verursacht durch Vitamin B-Mangel, die vor und während des Zweiten Weltkrieges so häufig auftraten, kennen wir heute kaum mehr.
Die Diphtherie war wegen ihrer hohen Sterblichkeit im Kindesalter die gefährlichste Infektionskrankheit. Sie begann mit Halsweh, Schluckbeschwerden, Mattigkeit, Frösteln, Kopfschmerzen, starker Rötung des Halses und des Rachens. Auf den Mandeln, am weichen Gaumen und am Zäpfchen bildeten sich weiße Flecken, die in einen schmutzig-gelbbraunen Belag übergingen. Fieber trat hinzu und auch Erbrechen. Bald wurden die Kinder völlig teilnahmslos, das Atmen erfolgte pfeifend, die Drüsen am Hals schwollen an, und dem Mund entströmte ein süßlich-ekelhafter Geruch.
Im vorigen Jahrhundert, bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, richtete sich die Behandlung darauf, die Erstickungsgefahr zu beseitigen. Man versuchte, den verengten Rachenraum durch Abschaben der Beläge und Ätzen mit Höllenstein, Terpentin, Benzol, Lysol, Borsäure, Menthol und anderen Mitteln – sogar von Petroleum habe ich selbst noch gehört – unter qualvollen Schmerzen freizumachen.
Bei der Diphtherie bilden sich im Körper giftige Stoffe, die Herz, Nieren und das Nervensystem schädigen, wobei durch plötzliche Lähmungen der Tod eintreten kann. Meist klingt die Krankheit nach 10-12 Tagen ab; drei bis vier Wochen lang ist für den Patienten noch Schonung erforderlich, um Spätfolgen zu vermeiden.
Bis zur Entdeckung der Diphtheriebazillen im Jahre 1884 durch Friedrich Löffler bei Robert Koch in Berlin und ersten erfolgreichen Anwendung eines wirksamen Heilserums durch Emil von Behring in der Weihnachtsnacht (!) im Jahre 1891 standen die Ärzte hilflos an den Betten der kleinen Patienten und mußten zusehen, wie fast die Hälfte davon der heimtückischen Krankheit zum Opfer fiel. Die Serumtherapie brachte gegen die von den Bazillen erzeugten Giftstoffe (Toxine) ein Gegengift (Antitoxin) im Körper zur Wirkung, das bei frühzeitiger Anwendung den erkrankten Kindern das Leben rettete. Die Sterblichkeit ging in der Folgezeit auf weniger als ein Fünftel zurück. Heute ist diese gefürchtete Krankheit fast verschwunden, so daß Ärzte einen Diphtheriefall aus eigener Anschauung kaum mehr kennen. Im Jahre 1950 gab es in der Bundesrepublik noch über 42.000 Erkrankungen, 1967 nur noch 117 Fälle dank vorbeugender Schutzimpfung.
Auch Schlaggenwald hatte zahlreiche Todesfälle zu beklagen. Lebhaft erinnere ich mich an Günter Brandls Bruder Hans, der im Sommer 1938 mit sechs Jahren verstarb, und an Paula Wettengl, die 1940, als diese ansteckende Krankheit noch einmal ausbrach, im Alter von 13 Jahren ihr zum Opfer fiel. Der Leser selbst wird sich noch an andere Namen erinnern, die mir inzwischen entfallen sind.
In der „Elbogener Zeitung" und im „Deutschen Landboten", Karlsbad, findet man noch Berichte über Todesfälle durch Diphtherie, wenn da und dort in Städten und Gemeinden eine Anzahl von Opfern zu verzeichnen war. Die „Egerer Zeitung" vom 12. Oktober 1937 berichtet aus Königsberg a.d. Eger, „daß Schutzimpfung angeordnet wurde, da schon einige Todesfälle im Bezirk gemeldet wurden."
Meine Schwester und ich erkrankten 1937 an Diphtherie. Im Jahre 1940 bekam meine Schwester ein zweites Mal diese schreckliche Krankheit und die damit verbundenen Belastungen zu spüren: Desinfizierung der ganzen Wohnung, längere Zeit keine Kontakte zu Freundinnen und Mitschülerinnen, wochenlange Schulversäumnisse, Krankenhausaufenthalt mit Isolierung, Kummer und Sorgen für die Eltern, so hießen die Folgen. Traten solche Fälle in der Adventszeit auf, waren die weihnachtlichen Freuden schwer getrübt. Voller Angst und Bangen wartete man auf das noch rechtzeitige Eintreffen des Arztes, bevor es zu spät war, auf unseren bewährten Dr. Müller. Ihm, dem Hausarzt dieser Zeit schlechthin, der aufopferungsvoll für die Bewohner der Stadt und der Dörfer seine Pflicht erfüllte, sollte man hier an dieser Stelle eine Zeile des Dankes widmen! Er kannte jede Familie und jeden einzelnen und besaß in einzigartiger Weise das Vertrauen aller.
Dank grundlegender Besserung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, dank medizinischer Fortschritte, der Hygiene, der Ernährung, der Kenntnisse über Vitamine und der Entdeckung der Antibiotika kennen wir diese Krankheiten im Kinderzimmer – Gott sei Dank! – so gut wie nicht mehr.
Auf Weihnachten bezogen, möchte ich mit diesem eher bedrückenden Rückblick unseren geneigten Lesern keineswegs die Freude auf die festlichen Tage verderben. Meine Hoffnung geht vielmehr dahin, mit diesem Beitrag ein wenig zum Nachdenken anzuregen, daß die „gute alte Zeit", auch unsere Kindheit daheim, nicht immer nur gut war. Und da, wo dies gelingt, wird sicher auch Dankbarkeit und Zufriedenheit aufkommen, daß wir hier und heute leben und uns auf Weihnachten freuen dürfen.
Anm.: Der Heimatbrief und seine Leserschaft danken unserem kundigen Lm. Herbert Jakob, der sich mit diesem besinnlichernsten Beitrag an die nicht immer frohen Kinderjahre daheim erinnert. F.P.
## Winterabend
Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten leisen Tann.
Dann preßt er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.
Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,
die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen;
nur innen horchen sie hinaus.
R.M. Rilke (1875-1926), österr. Dichter
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## Bauernlos – von der Scholle vertrieben
Der Bauer verkörpert nicht einen konjunkturabhängigen Beruf wie manch andere, die schnell in Mode kommen und in einigen Jahren wieder verschwinden. Ein Bauernleben verläuft anders. Dafür sprechen nicht nur viele alte Merkmale in Feld und Flur, Deiche an offenen Gewässern und ungezählte Steinriegel in weiten Berglandschaften als Zeugen harter Rodung. Den jahrhundertealten Weg bäuerlicher Hingebung bezeugen viele von Bauernhänden geprägte und beseelte dörfische Kulturbilder.
Durch die Vertreibung aus der angestammten Heimat wurde der Bauernstand am schwersten betroffen. Aber weniger, was den nackten Überlebenskampf berührte. In dieser Hinsicht wütete dieses bitterharte Schicksal nach allen Seiten in gleicher Weise. Den Landmenschen jedoch traf dieses grausame Geschehen besonders schwer, weil er nicht nur aus seinem Berufsbereich, son-
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