Schlaggenwälder Heimatbrief — prosinec 2000 / leden 2001
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Obraz domoviny někdejší

Weihnachtskrippe mit den lebensgroßen Figuren über dem Hochaltar in der St.-Georgs-Kirche (Dekanalkirche) der Bergstadt Schlaggenwald. Von der schönen und beeindruckenden Krippe ist nichts mehr vorhanden. Die Figuren wurden weggebracht (gestohlen) oder zerstört. Das Gotteshaus selbst ein Bild der Verwüstung. Geblieben sind nur die Erinnerungen.

Poslední dny doma

Es ist auch nach so vielen Jahren nicht leichter geworden, den Ereignissen der Wochen und Monate vor Weihnachten 1945 in Gedanken nachzuspüren.

Uns drohte ein Verhängnis: Wir müssen fort! Doch niemand wollte es wahrhaben, daß im kommenden Frühjahr unsere Ausweisung zu erwarten war. Jeder von uns hing an seinem Hab und Gut, das dann zurückbleiben sollte. Kaum jemand hatte je von den Dekreten eines Benesch gehört, in denen die Enteignung und der „Transfer" der deutschen Bevölkerung vorgesehen waren, oder von einer Konferenz der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges in Potsdam, die diesen „Abschub" abgesegnet hatten. Woher auch? Es gab ja für uns weder Zeitung noch Radio mehr. Da die Vorstellung, daß wir unsere seit Jahrhunderten angestammte Heimat für immer verlassen müssen, in der wir doch geboren und aufgewachsen waren, schier unerträglich war, blühten die Gerüchte. Eines davon ging sofort von Mund zu Mund: Das Egerland mit seinem Bäderdreieck Karlsbad, Marienbad und Franzensbad würde dem Land Bayern zugeschlagen und dann als Regierungsbezirk „Neubayern" heißen. Manche atmeten auf. Doch je mehr wir uns in solches Wunschdenken verrannten, desto größer wuchsen auch die Zweifel, ob derartige Nachrichten nur zur Beruhigung der Einwohner dienen sollten. Die Erwartung, vielleicht doch dableiben zu können, schien bei einigen sogar die Furcht zu überdecken, danach unter der Herrschaft der Tschechen leben zu müssen.

Doch alle Hoffnungen trogen. Die „Aussiedlung", wie dieser barbarische Vorgang bis heute immer wieder verniedlichend genannt wird, war bereits beschlossene Sache.

Wohl oder übel mußten wir uns mit dem zugedachten Schicksal abfinden, so daß diese Weihnachten die letzte in unserem eigenen Anwesen und in der vertrauten Umgebung sein würde. So bedrückend und schmerzlich die Aussichten auch waren, mit einem Rucksack und wenig Gepäck, nur mit dem Notwendigsten versehen, in eine ungewisse Fremde verfrachtet zu werden – begannen wir mit den ersten Vorbereitungen: Truhen herrichten, Kisten fertigen, Säcke nähen. Allein die Entscheidung, welche Gegenstände aus dem umfangreichen Hausrat mitzunehmen waren und welche zurückzubleiben hatten, führte uns das ganze Ausmaß dieses ungeheuerlichen Unrechts vor Augen und stürzte die Familien in tiefe Verzweiflung. Der Gedanke an die Haustiere tat dazu ein übriges. Oft lähmte ohnmächtiger Zorn jedwede Tätigkeit.

Es gab auch in unserem Dorf Landsleute, vorwiegend Männer, die das Wagnis eingingen, auf nächtlichen Gängen ein paar Habseligkeiten über die grüne Grenze in Sicherheit zu bringen.

Heu, Getreide, Grummet, Kartoffeln und Rüben waren eingebracht, es stand ja noch ein langer Winter vor uns. Andere bäuerliche Arbeiten im Herbst wurden eher oberflächlich erledigt. Hinzu kam, daß die Tschechen viele Männer aus unserer Ortschaft abgeholt hatten und auf der Elbogener Burg gefangen hielten. Dort stand diesen Häftlingen eine harte Zeit bevor. Sie wurden täglich zu Strafarbeiten eingesetzt, von Soldaten bewacht und mußten, wie wir alle, weiße Armbinden tragen.

Sie durften auf ihren Wegen nicht nach links und rechts schauen, obwohl da immer besorgte Angehörige standen, die ihnen etwas Eßbares zustecken wollten. Die Ungewißheit, wann sie wohl wieder nach Hause durften oder ob sie verurteilt und gar nach Sibirien verschleppt würden, zehrte zusätzlich an ihnen. Die Inhaftierten magerten erbärmlich ab, sahen hohlwangig und niedergeschlagen aus. (Letzteres ist auch wörtlich zu nehmen!)

Unter diesen armen Gefangenen befand sich auch unser Vater. Er hatte sich angeboten, den Mithäftlingen ein paar Zentner Kartoffeln von seinem Hof zukommen zu lassen. Eines Tages fuhr ein Lastwagen mit ihm und zwei bewaffneten „Gardisten" vor die Scheune. Vater sollte die „Eadeppl" selbst herbeischaffen. Doch unser Erntehelfer Michl aus der Ukraine, der noch bei uns geblieben war, setzte seinen Willen durch und übernahm diese Arbeit. So hatte Vater eine gute Stunde Zeit, um sich etwas zu erholen. Man erlaubte ihm, auch die völlig verschmutzte Wäsche zu wechseln. Als unsere Mutter seinen zerschundenen, blutunterlaufenen Rücken sah, mußte sie die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Entsetzen aufzuschreien. Sie erzählte uns von diesem schrecklichen Wiedersehen erst viel später.

Das Weihnachtsfest war bitter und unvorstellbar traurig. Wir hatten zwar noch zu essen, aber es kam keine Freude auf. Einige Tage vorher schmückte unsere Dorfjugend im nahen Wald einen Tannenbaum mit Kerzen. Es lag nur wenig Schnee. Nachbarn und Bekannten begaben sich in der Dämmerung mit uns zu dieser Stelle. Wir standen alle im Kreis, reichten uns die Hände und sangen Weihnachtslieder. Eines ist mir noch gut in Erinnerung geblieben: „Hohe Nacht der klaren Sterne…" Beim Besuch der letzten Christmette in der St.-Georgs-Kirche in Schlaggenwald hatten alle feuchte Augen.
F. P., nach einer Erzählung von Erna Kögler geborene Jessl, früher Gfell.
Anmerkung: Unser Heimatbuch berichtet auf den Seiten 399 ff. ausführlich über die Einzelheiten jener schrecklichen Zeit.

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