Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 198
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Před novým vývojem

Vor neuen Entwicklungen

Liebe Landsleute, verehrte Leserinnen und Leser!

Im nun zu Ende gehenden Jahr wurden wir Zeugen erstaunlicher Entwicklungen und unerwarteter Ereignisse im Osten und Südosten unseres Kontinents, aber auch in Mitteldeutschland. Wer hätte noch vor kurzem vorauszusagen gewagt, daß Ungarn eine demokratische Republik westlichen Zuschnitts wird, in der die bisher allein herrschende kommunistische Partei ihren Herrschaftsanspruch aufgibt? Wer hätte erwartet, daß in Polen die Kommunisten ins zweite Glied zurücktreten und ein nichtkommunistischer Ministerpräsident das Land regiert? Wer konnte die machtvollen Demonstrationen für Freiheit und Selbstbestimmung voraussagen oder die Flucht von zehntausenden deutschen Landsleuten aus dem starrsinnigen System der DDR, das dadurch nun zu Zugeständnissen gezwungen wurde?

Dieser „Wind der Veränderung" wird über kurz oder lang auch die Tschechoslowakei erfassen, selbst wenn die Machthaber in Prag sich noch so sehr dagegen wehren und sträuben mögen. Die Freiheit des Wortes, des Geistes und der Meinung wird sich auch in Böhmen und Mähren, in Schlesien und in der Slowakei auf Dauer nicht unterdrücken lassen.

Und mit einer solchen Entwicklung kann sich auch für uns Sudetendeutsche die Möglichkeit offener und ehrlicher Gespräche mit den Tschechen eröffnen, kann auch die sudetendeutsche Frage eine neue Dimension gewinnen und können Lösungen in den Bereich des Möglichen rücken, die bisher noch vielfach als undenkbar galten.

Wir können durchaus vor neuen Wegen und vor einer neuen Bewegung in der sudetendeutschen Frage stehen, und wir müssen darauf vorbereitet sein. Schon die nächste Zeit kann von uns Antworten auf Fragen verlangen, die sich bisher nicht stellten, die aber bei einer Veränderung der politischen Landschaft in der Tschechoslowakei ganz schnell aktuell und akut werden können. Wichtig ist gerade angesichts derartiger Erwartungen, daß wir unsere Geschlossenheit als Volksgruppe bewahren, daß wir uns unserer Gemeinsamkeit über alle Organisationsgrenzen hinweg bewußt sind, und daß wir unsere Interessen als Sudetendeutsche einmütig und zukunftsorientiert vertreten.

Der Bundesvorstand unserer Landsmannschaft hat das kommende Jahr unter das Motto „Junge und mittlere Generation" gestellt. Der diesjährige erfolgreiche Kongreß dieser jungen und mittleren Generation unserer Volksgruppe im Oktober in Regensburg hat bewiesen, daß diese Generation bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und gestaltend tätig zu werden — das ist gerade angesichts der gegenwärtigen und noch zu erwartenden politischen Entwicklung von ausschlaggebender Bedeutung. Wir alle sollten die Angehörigen unserer jungen und mittleren Generation in ihrem Engagement und in ihrer Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme tatkräftig und bereitwillig unterstützen.

Verehrte Landsleute, an der Schwelle zum neuen Jahr möchte ich Ihnen allen von Herzen Dank sagen für Ihr Bekenntnis zu unserer Volksgruppe, Ihren Einsatz für unsere Gemeinschaften, Ihr Eintreten für unser Recht auf unsere Heimat — lassen Sie in der Weihnachtszeit Ihre Gedanken in unserer Heimat verweilen, deren Niedergang und Verwahrlosung uns zutiefst schmerzen muß, die aber gerade darum für uns eine Aufgabe und eine Verpflichtung bleibt. Und lassen Sie uns mit Zuversicht ins neue Jahr blicken, dessen Anforderungen wir aus der Stärke unserer Gemeinschaft und unseres Zusammenstehens heraus angehen und meistern wollen.

Liebe Landsleute, verehrte Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen, Ihren Angehörigen und Freunden eine frohe und besinnliche Weihnacht und ein glückliches, erfolgreiches neues Jahr!

In landsmannschaftlicher Verbundenheit bin ich Ihr

Franz Neubauer

Staatsminister a. D., Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe

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