Weihnachten 1989
„Jesus, der menschgewordene Sohn Gottes — unsere Zukunft"
Liebe Freunde und Landsleute!
Im fünften Jahrzehnt seit der Vertreibung feiern wir Weihnachten, das Fest der Menschwerdung unseres Erlösers, in der neuen Heimat. Vor uns liegt das neue Jahr 1990, in dem sich die Unterzeichnung der Charta der Vertriebenen zum 40. Male jährt.
Ihr vorausgegangen war bereits 1949 die Eichstätter Adventsdeklaration. Es waren 17 Sudetendeutsche — Wissenschaftler, Publizisten und Politiker unterschiedlicher Weltanschauung und politischer Überzeugung, die sich zu einem Gedankenaustausch getroffen hatten und sich in den Dienst für das Ringen um die christlich-humanistische Wiedergeburt Europas stellten. Sie waren sich im Klaren, daß das Jahr 1949 zugleich den Abschluß einer tragischen Vergangenheit und den Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung markierte.
Sie werden vielleicht fragen: Was hat das mit Weihnachten zu tun, dem trautesten unserer Feste?
Ich meine: Sehr viel, denn einmal hat die Hl. Familie im Stall von Bethlehem ebenso wie Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen Armut und Heimatlosigkeit erfahren. Josef, Maria und Jesus flohen nach Ägypten und erlebten auch hier ein Schicksal, das bis in die Gegenwart vielen auferlegt ist.
Und dann gehörte die Hl. Familie — und das halte ich für bedeutsam — zu einem Volk, das sich Gott erwählte und das in seiner Geschichte immer wieder Vertreibung erlebte.
In der babylonischen Gefangenschaft lebt nahezu die ganze Volksgruppe sogar 70 Jahre im Exil. Wenn der Evangelist Matthäus uns von der Geburt Jesu berichtet und den Stammbaum Jesu überliefert, so ist die Wegführung des Volkes nach Babylon in seiner Aufzählung ein entscheidender geschichtlicher Abschnitt.
Der Prophet Jeremia riet den Verbannten in Babylon, Häuser zu bauen, nicht zu resignieren, aktiv die Gegenwart zu gestalten, dabei aber die alte Heimat nicht zu vergessen, sondern auf Gottes Treue bauend, in die Zukunft zu schauen, denn er hatte durch seinen Propheten gesagt: „Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben."
Unsere Heimatpriester haben nach 1945/46 in ihren Predigten den Landsleuten immer wieder diese biblischen Beispiele vor Augen geführt.
Es sind noch keine 70 Jahre, da wir die Heimat verlassen mußten, aber eine neue Generation ist herangewachsen, die heute erlebt, daß die kommunistische Ideologie im Osten bankrott ist.
Im Oktober konnte ich am Kongreß „Die Zukunft gestalten" der jungen und mittleren Generation unserer Volksgruppe teilnehmen und mit ihr auch den Gottesdienst feiern.
Die Resolution des Kongresses besagt, daß diese Generation „die gemeinsame, partnerschaftliche Schaffung einer neuen deutsch-tschechischen Nachbarschaft im böhmisch-mährisch-schlesischen Raum" erstrebt.
Sie ist überzeugt, „daß die Verwirklichung von Freiheit und Selbstbestimmung für die Völker und Volksgruppen der böhmischen Länder die Voraussetzung ist, um die Probleme zu lösen, die heute noch zwischen Deutschen und Tschechen bestehen."
Davon sprach auch der Prager Erzbischof Kardinal Tomašek, als er uns im Sommer zur Feier der Heiligsprechung der seligen Agnes von Böhmen einlud.
Liebe Landsleute! Als Gläubige wissen wir, daß Gott in Jesus von Nazareth Mensch wurde, um uns zu befreien, uns von Sünde und Schuld zu erlösen, um den wahren Frieden zu bringen, den die Welt nicht geben kann.
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