Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 198
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Srdcem i rukou

Mit Herz und Hand

Vor langer Zeit, als ich noch ein kleines, neugieriges Mädchen war, kramte ich gern in Mamas Briefschatulle. Das Kästchen war schuhschachtelgroß, eine Laubsägearbeit mit rotem Samt ausgelegt. Mama sah es natürlich nicht gern, wenn ich mich damit beschäftigte, weshalb sie mir dann auch heftige Vorwürfe machte. Aber wie das so ist, was man nicht machen darf, das reizt besonders stark und ausdauernd.

Eigentlich durfte Mama beruhigt sein, denn ich konnte weder auf eventuelle strenge Geheimnisse noch auf süße Bekenntnisse stoßen, weil die verschnörkelten Schreiben für mich noch unleserlich waren. Außerdem waren die alten Feldpostbriefe schon vergilbt und zum Teil von Tränen verwischt. Was mich anzog, das waren die Kartengrüße aus Wien, Prag, Pilsen, Budweis, Leitmeritz, Teplitz, St. Joachimsthal und aus Chemnitz, Annaberg und Riesa.

Eine Karte war dabei, die mich zu schwierigen Gedankengängen anregte. Sie hatte keine Grüße ins Haus gebracht, denn ihre Rückseite war unbeschrieben. Und auf ihrer Vorderseite war keine Stadt, kein Haus, keine Kirche und kein Park, o nein, da waren zwei Menschen abgebildet, ein Mann und eine Frau. Es handelte sich um eine tragiromantische Karte aus jenen Tagen des Ersten Weltkrieges, in denen die Waffen noch mit reichem Blumenflor geschmückt wurden.

Der Mann war Soldat — jung, schön und gesund. Seine himmelblauen Augen waren in eine siegreiche Zukunft gerichtet, und über seinem weichen Lächeln war ein Bart à la Kaiser Wilhelm gezwirbelt. Unter der Pickelhaube ließen sich blonde Locken ahnen. Mit der rechten Hand stützte sich der Soldat auf sein Gewehr, an dessen Lauf zarte Rosen und Vergißmeinnicht blühten. Den linken Arm hatte der Mann um die schmale Mitte seiner Liebsten gelegt. Sie wiederum hielt ihr Engelsköpfchen an seine starke Schulter geneigt. Ihre Wangen waren rosa angehaucht, und ihr Blick war herab auf die gefälligen Rundungen unter ihrer Bluse gesenkt. Im Hintergrund waren Dämmerung, Feuerschein und Nebelschleier. Zu Füßen der Liebenden stand in Goldlettern gedruckt: „Mit Herz und Hand für's Vaterland!"

Mit diesem Ausspruch mußte ich mich immer wieder eingehend beschäftigen. Ich mußte daran denken, was sich mein Vater, mein Onkel Ewald und mein Onkel Robert immer erzählten, wenn sie beieinander saßen. Sie waren einstmals mit Herz und Hand für das Vaterland in den Krieg gezogen. Mein Vater war über das schöne Kärnten in das karstige Krain gekommen, wo um Felsvorsprünge gekämpft werden mußte, und wo er sich so manches Mal die Finger an Felsenwänden blutig gekrallt hatte. Onkel Ewald war von Polen aus an die Westfront geschickt worden. Dort hatte ihn ein gütiges Schicksal fast heil durch das Gemetzel und den Granatenhagel um Sedan geführt. Nur ein winziges Splitterchen hatte sich ihm zur bleibenden Erinnerung in den einen Fuß gebohrt. Und Onkel Robert, er war am Isonzo gewesen. Blutjung war er damals, noch ein halbes Kind. Herumgestoßen hätte man ihn, hungern hätte er müssen und viel, viel Durst leiden. Harn hätten sie getrunken, Typhus sei ausgebrochen, und wie durch ein Wunder sei er wieder gesund geworden. Ich mußte auch an die vielen Kriegsinvaliden denken, die ich als Bettler auf dem Fischerner Fest, auf dem Zettlitzer Fest, auf dem Fest in Aich oder gar während der Rennsaison vor dem Rennbahneingang gesehen hatte. Im Staub der Straßen hatten sie mit ihrem Elend gehockt und auf das Mitleid der Glücklichen, Gesunden und Besitzenden gewartet. Auch sie waren einst mit Herz und Hand für's Vaterland ausgezogen, doch kein gütiges Schicksal hatte sie begleitet. Auf den Schlachtfeldern Europas haben sie ihre Beine, ihre Arme, ihr Augenlicht, ihre Gesundheit und ihre Jugend hergeben müssen.

Meine kleine Welt begann sich zu öffnen für die Geschicke der damaligen Zeit, und die waren oft schlimm, aufregend und beängstigend. Das Gespenst der Arbeitslosigkeit kam durch alle Fabriktore und in alle Werkstätten. In Berlin brannte der Reichstag, SA und SS marschierten auf Deutschlands Straßen, und Hitler hatte die Macht an sich gerissen. Seine Stärke zeigte er u. a. damit, daß er die Legion Condor nach Spanien schickte, die entscheidend für Franco kämpfen mußte. Jeden Tag konnte ich darüber in der Zeitung lesen.

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