Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 197
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„Německá otázka zůstává otevřená" – poselství kancléře Helmuta Kohla ke Dni domoviny

„Die deutsche Frage bleibt offen"

Bundeskanzler Helmut Kohl zum diesjährigen „Tag der Heimat"

Zum diesjährigen „Tag der Heimat" sende ich allen Landsleuten hier in der Bundesrepublik Deutschland und in ihrer angestammten Heimat, in Sonderheit aber den Teilnehmern der Berliner Festveranstaltung, meine herzlichsten Grüße.

Im 40. Jahr der Bundesrepublik Deutschland, mit der wir im freien Teil unseres Vaterlandes eine lebendige Demokratie, eine stabile Volkswirtschaft und ein sozial gerechtes Gemeinwesen geschaffen haben, erinnern wir uns dankbar an die unersetzliche Aufbauleistung der Vertriebenen.

Darüber hinaus haben die Landsleute, die aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa zu uns gekommen sind, in vorbildlicher Weise am moralischen Fundament unseres Staatswesens mitgebaut: Mit ihrer „Stuttgarter Charta der Heimatvertriebenen", mit ihrem Bekenntnis zu den unveräußerlichen Menschenrechten, zum freien Selbstbestimmungsrecht und zum Recht auf Heimat haben sie geholfen, den Weg der Verständigung und Aussöhnung zu ebnen.

Die Heimatvertriebenen haben durch ihre reichen und vielfältigen kulturellen Traditionen unser Staatswesen mitgeprägt. Heute geben sie durch mitmenschliche Anteilnahme ein Vorbild für den Empfang, den wir den Aus- und Übersiedlern aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa schulden. In der Tat: Hier ist unser aller Solidarität gefordert!

Gleichzeitig müssen wir die Landsleute, die in ihrer angestammten Heimat bleiben wollen, unterstützen. Die Bundesregierung setzt sich nachdrücklich dafür ein, daß sie ihre Religion, Sprache, Kultur und Tradition ungehindert pflegen können, so wie dies das abschließende Dokument der KSZE-Folgekonferenz in Wien Anfang dieses Jahres erneut festgeschrieben hat.

Mit Ungarn konnten wir bereits ein Abkommen über die kulturelle Betreuung der Ungarn-Deutschen abschließen. Wir bemühen uns, solche Fortschritte auch mit anderen östlichen und südöstlichen Nachbarn zu erreichen.

Der „Tag der Heimat 1989" ist auch ein Tag der Erinnerung an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren, mit dem die nationalsozialistischen Gewaltherrscher ganz Europa und damit auch unser eigenes Vaterland ins Unglück gestürzt haben. Gerade auch die Flüchtlinge und Vertriebenen mußten ohne eigene Schuld die schrecklichen Folgen dieses Krieges erdulden.

Die Spaltung Europas und die Teilung unseres Vaterlandes und seiner alten Hauptstadt Berlin sind Folgen dieses sinnlosen Krieges. Auf eine friedensvertragliche Regelung mußten wir vergeblich warten — so lange sie aussteht, bleibt auch die deutsche Frage rechtlich und politisch offen. Dies darf aber — und dafür ist gerade hier in Berlin das Gespür lebendig — nicht von der Grundtatsache ablenken, daß Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung den Kern der deutschen Frage bilden.

Heute zeigt sich immer mehr, daß Mauer, Stacheldraht und Minenfelder quer durch Deutschland nicht das letzte Wort der Geschichte sind. Die Idee der Freiheit und Menschenrechte nimmt ihren Lauf auch dort, wo sie gestern noch unterdrückt wurde. Gerade das begründet unsere Hoffnung auf eine europäische Friedensordnung, in der auch wir Deutsche in freier Selbstbestimmung unsere Einheit vollenden können.

Wir stehen zu unserem Verfassungsauftrag. Er entspricht, wie gerade die Geschehnisse dieser Tage zeigen, der Sehnsucht aller Menschen in Deutschland. Er umfaßt, weil wir ihn in einem größeren europäischen Rahmen verwirklichen wollen, zugleich das Bekenntnis zu Freiheit und Selbstbestimmung unserer Nachbarn.

In unserer Politik des Friedens, der Verständigung und der Aussöhnung wissen wir uns mit den Menschen guten Willens in Deutschland und in Europa einig. —

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