⟵ věta pokračuje z předchozího listu
seinem tiefen Kinderschlaf aufgescheucht worden. Hotelbedienstete hatten nämlich zu dieser Zeit mit nerventötendem Scherbengesplitter alle leeren Wein-, Sekt- und Schnapsflaschen der vergangenen hauseigenen Barnacht in den Container geworfen. Und das in einem Hotel mit Rang und Namen!
Am Vormittag fuhren wir in das Erzgebirge. Hans wählte die Route über Neudek. Die Straße war gut, aber links und rechts trauerte ein ödes Land. Über die weitgezogenen, abgeernteten Felder staubte der Wind und ließ die mageren Flugsamenbirken ergrauen. Auch in der kleinen Stadt am Fuße des Gebirges sind die üblichen Wohntürme und Wohnblocks wie Pilze aus dem Boden gewachsen. Daß sogar am Sonntag auf den winzigen Balkönchen Wäsche hing, ließ uns ein bißchen ahnen, inwieweit eine sozialistische Arbeiterfamilie in ihrer Ein-, Zwei- oder Dreiräumchenwohnung froh und zufrieden sein kann. Auf dem mageren Rasen vor der Kirche quietschte und rasselte ein altersschwaches Ringelspiel. Vielleicht war es vor siebzig Jahren in Zettlitz auf dem Annafest die letzte Neuheit gewesen. Doch nun drehten sich mit ihm keine Zypressenlandschaften mehr, auch keine Blumengirlanden und keine Spielorgel. Müde und schäbig hingen die Pferdchen an dem tristen Gerippe des Karussells. Trotzdem standen sie da, die kleinen Buben und Mädchen und bestaunten ein Wunder.
Langsam begann es zu nieseln, denn über das Gebirge hatten sich graue Wolken gehängt. Im Nu waren wir in St. Joachimsthal. Ich erkannte es an dem Kursanatorium. Das kleine berühmte Joachimsthal ist arm geworden, seine Häuserzeilen haben viele Lücken bekommen, und sein Markt ist fast ohne Leben. Nur dann und wann hastete jemand den holprigen Gehsteig entlang. Ich schaute nicht zurück.
Mittlerweile regnete es heftig. Die Scheibenwischer sausten aufgeregt hin und her. Drei oder vier sächsische Oblatenbusse kamen aus dichter Nebelwand uns entgegen. Und dann sahen wir zum ersten Mal den gestorbenen Wald, zwar nur schemenhaft, aber um so grauenerregender. Die gestürzten Baumleichen waren bereits vom gelbkriechenden Gras überwuchert, dazwischen klagten ihre gespreißelten Stümpfe zum Himmel. Hier kann kein Rehlein mehr springen und auch kein Vöglein mehr singen. Hier verstummt unter Tränen jedes Wort und erst recht jedes Lied.
„Wu de Wälder haamlich rauschen,
wu de Haad su rötlich blüht,
mit kann König mächt ich tauschen,
weil do drubn mei Haisel stieht."
haben wir als Kinder schon gern gesungen. Niemand konnte ahnen, daß das schöne grüne Erzgebirge bald eine öde Bergkette sein würde.
Tiefe Trauer drängte sich in unseren Wagen. Selbst unser Andreas war zutiefst erschüttert. Er drängte sich an seine Mama und legte seine Hand auf meine. Von Gottesgab war nichts zu sehen, wahrscheinlich hatte es der Nebel verschluckt. Oder sollte es versunken sein wie der Wald?
Beim Keilberghotel hielt Hans den Wagen an. Er wollte Ansichtskarten kaufen. Wir anderen blieben sitzen. Schweigend blickten wir zum Hotel, das in Einsamkeit dahinsiechen muß. Übrigens waren die Ansichtskarten mindestens zwanzig Jahre alt, denn so grün wie auf ihnen, ist der Keilberg schon längst nicht mehr.
Wir fuhren nun talwärts, Richtung Komotau. Und immer waren um uns gespreißelte Baumstümpfe und gelbes Gras und über uns gießende Wolken. Aber die Straße war gut, sogar sehr gut. Allmählich kam die Sonne wieder vorgekrochen. Sie blinzelte auf die armseligen Dörfer, auf die öden Felder und auf die weite Ebene um Saaz. Auch in Komotau gibt es reichlich Wohntürme und Häuserblocks für zig Familien. Die Grünflächen sind verstaubt und vergessen, niemand ist für sie zuständig. Über dem Sportstadion mahnt der Rote Stern in gewaltigen Ausmaßen zur unverbrüchlichen Treue. Niemand beachtete ihn, auch hier waren die Straßen leer. Unterwegs nach Karlsbad sahen wir nur wenige Fahrzeuge. Wir sahen aber auch kaum einen Spaziergänger oder Wanderer. Wo waren all die Menschen, die dort in den Städten und Dörfern leben? Hatten sie sich verkrochen? Bereits aus der Ferne erschreckte uns jenes Kraftwerk, das im breiten Tal der Eger, kurz vor Kaaden, seinen giftigen
věta pokračuje na dalším listu ⟶
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.
