Diese Episode belehrte mich, und sie erläuterte mir etwas, das heute in der Beziehung zu meinem Volk eine wesentliche Rolle spielt. Es ist nämlich ein Schamgefühl! Es ist aber nicht das Schamgefühl eines nachlässig Gekleideten gegenüber gut und elegant angezogenen Leuten, gegen solche Gefühle bin ich immun. Es war auch nicht die Scham eines naiven Einfaltspinsels vor kultivierten Leuten, ich war mir damals auf dem Friedhof ziemlich sicher, daß ich mich in Sachen auskenne, von denen die bundesdeutschen Touristen keine Ahnung hatten. Es war auch nicht das Schamgefühl eines Barbaren vor zivilisierten Bürgern. Den Westen, woher sie kamen, betrachte ich nämlich nicht nur als die Heimat unserer Zivilisation, sondern heute auch als eine Brutstätte, in der sehr oft wahnsinnige, gefährliche und uns alle bedrohende Ideen und Programme wachsen und gedeihen. Ich schämte mich für mein Volk, aus dem ich zwar nicht aussteigen will, in dem ich mich aber heute nicht mehr wohl fühle, es war ein Schamgefühl für den Verfall unserer Sitten und für unsere moralischen Schwächen.
Ich habe nicht im Sinn, mich den Sudetendeutschen anzubieten oder gar zu verkaufen. Verkaufen können hätte ich mich viel leichter hier, zu Hause. Ich denke an die Sudetendeutschen, weil sie hier hartnäckig verschwiegen werden. Nur „Rudé Právo, das Zentralorgan der KP, schweigt ab und zu nicht, es verdammt sie und schreibt „sudétáci" mit einem kleinen „s". Ähnlich schreibt das Blatt über das Jahr 1968, über die Charta 77, übers Exil und so weiter. In allen Ländern, die mit der Bundesrepublik Deutschland eine gemeinsame Grenze haben oder die durch den Krieg und durch die Nazis gelitten haben, wird schon längst offen über ihr Verhältnis zu den Deutschen gesprochen. Auch die Polen sagten durch ihre Bischöfe zu der deutschen Frage ein offenes Wort. Überall, nur nicht bei uns, hatte sich mit dem deutschen Problem schon die Generation vor uns befaßt und damit der nachfolgenden die Hände und die Köpfe für die Lösung von weiteren, gemeinsamen Problemen in der Zukunft freigemacht.
Das sudetendeutsche Problem ist für unser Volk — vermute ich — das, was das Lateinische als „pars pro toto" bezeichnet, also ein Teil vom Ganzen, in dem sich das Ganze mit seinen charakteristischen Merkmalen widerspiegelt. Das Verschweigen dieses Problems ist ein Schweigen über etwas, was inhaltlich auch uns einschließt, es ist ein Schweigen über uns selbst. Es ist ein Schweigen darüber, wie wir uns einst verhalten haben und wie wir uns damals hätten verhalten sollen. Es ist ein Stück unseres Schweigens über die Voraussetzungen unseres Versagens in unserer Situation.
Wir werden ständig dazu geführt oder verführt, uns die Sudetendeutschen als ein Rudel Raubtiere vorzustellen, vor denen wir die Grenze zu unserem Fleischerladen mit allen Mitteln sichern müssen. Oder als Gespenster, vor denen uns nur ein von Moskau abgesegneter Kreidekreis unserer Freundschaft zur UDSSR schützt. Ich muß dabei aber an die Esten, Letten und an die Litauer denken, an diese kleinen Völker, die eine ähnliche nationale Wiedergeburt wie wir Tschechen durchgemacht haben. Aus jedem baltischen Volk mußten Hunderttausende emigrieren, Hunderttausende wurden nach Sibirien verschleppt, in Estland gibt es heute nur noch ein Viertel von estnischer Bevölkerung. Das Argument, die baltischen Völker sind ja zahlenmäßig klein, wir Tschechen dagegen sind heute 10 Millionen, trügt. Denken wir nur an die Ukrainer... Unsere verstaatlichten Fabriken müssen jetzt eine nach der anderen mit sowjetischen Betrieben fusionieren, in Nordböhmen und in Nordmähren, im einstigen Sudetenland, sind bereits ganze Gebiete von sowjetischen Soldaten und von ihren Angehörigen bewohnt. Und wenn man bedenkt, daß unsere moralische Widerstandskraft nicht sonderlich entwickelt ist, dann... ja dann müssen wir uns überlegen, was unsere Vorfahren und Romantiker, unsere Patrioten und Widerstandskämpfer zu überlegen vergessen haben. Es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß wir einmal in eine Situation kommen, in der wir uns fragen werden: Wäre das Leben in unserer Heimat nicht besser mit den Sudetendeutschen als mit den Russen?
Bewahrt Ruhe! Ich behaupte nämlich nicht, das sie, die Sudetendeutschen, noch in diesem Jahr oder im nächsten zurückkommen sollen. Ich behaupte überhaupt nichts, denn ich kenne sie nicht. Ich möchte mir nur mein Verhältnis zu meinem Nachbarn und zu dessen Sohn allein überlegen, ohne von meinen Vorfahren, die ja schon soviel vermasselt haben, reglementiert zu werden. Wenn der Sohn meines Nachbarn tatsächlich ein Gauner sein sollte,
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