Meine Dickl-Mutter
Schon vieles wurde geschrieben von der Dickl-Mutter, besonders von unserer lieben Hermine Walter geb. Palm. Heute möchte ich aber erzählen, wie meine Großmutter, die aus dem Trolln-Hof in Rabensgrün kam und in den Dickl-Hof in Gfell einheiratete, eventuell meine Dickl-Mutter wurde, und wie sie später mit ihrer einfachen Weisheit mein Leben formte.
Vor beinahe sechzig Jahren war ich ein kleiner Knirps von zweieinhalb Jahren und lebte am Schöinhansel-Hof, in den mein Vater vom Dickl-Hof raufheiratete. Ich war das erste Enkelkind und hatte zwei Großmütter: meines Vater's Mutter vom Dickl-Hof und meiner Mutter's Mutter vom Schöinhansl-Hof. Die Erste liebte ich innig und die Zweite — na ja, sie hatte halt keine Geduld mit kleinen Kindern, besonders mit einem, das schon frühzeitig den eigenen Willen zeigte.
Einmal wollte ich halt zu meiner Großmutter das Bergl runterlaufen, meine Großmutter oben wollte es aber nicht und sperrte mich in die Stube. Ich gab aber nicht auf, krabbelte auf das große Sofa mit der hohen Lehne, dann an das Fensterbrett, schob die Blumenstöcke weg und öffnete das Fenster. Resolut stellte ich mich hin und rief so laut ich konnte: „Dida Butta hul me, Dida Butta hul me." Beim Dickl unten war meine Großmutter gerade beim Knidla kochn. Vor lauter Schreck warf sie den Knidlatoag wieder in die Schüssel, wischte ihre Hände an ihre große Schürze und kam das Bergl raufgelaufen, wobei sie dauernd rief: „Foll fei(n) niat unte, foll fei(n) niat unte." Später sagte sie mir, wie sie gezittert und gebebt hatte, denn unser Stubenfenster war sehr hoch, da unser Haus uneben am Bergl gebaut war.
So ist meine Dickl-Mutter entstanden, denn ich konnte ja nicht Großmutter rufen, sonst wäre ja die falsche gekommen. Von dort an wurde sie nicht nur meine Dickl-Mutter, sondern die Dickl-Mutter für alle im Dorf.
Meine Dickl-Mutter war ein kleines verrunzeltes Bauernweiberl. Wenn sie in der Mitte von ihren drei Buben ging, dann reichte sie kaum bis unter deren Armhöhle. Doch die alten Bauernweisheiten - die vielleicht aus dem Egerland stammten - formten in vieler Weise mein Leben und sind heute noch oft mein Wegweiser. Ich möchte gerne ein paar aufschreiben.
„Lou dei Hand neat so faal in deina Schoass lieng". „D' Leit derf ma neat wegschmeissn, bloß weglehna". „Üwa ålläs wächst Gros". „Schlouf löiwa a Nåcht drüwa". „Wos ma zum Fenstå aselongt, kummt zwoamol za da Tür ei". „Da Herrgott läßt an Ziengbuak den Schwonz neat za long wåxn". „A Bauernwei kua dean gonzn Huaf in ihrer Schürz furttrogn". „Nimm neat s Zeich va oina Händ in die onara, des is dopplta Årwat". „Versündich dich neat". „Ua Hand wascht de onara". „Der håut sa eichens Grob gschauflt".
Meine Dickl-Mutter ist schon vor fünfundzwanzig Jahren gestorben. Ihre einfachen Worte klingen aber oft noch in meinen Ohren. Wenn ich mich einmal hinsetzen will vor den Fernseher, dann suche ich schnell nach meinen Stricknadeln. Wie oft komme ich im Sommer in Versuchung das Unkraut von der rechten Hand in die linke zu geben, wenn ich einen ganzen Buschl zusammen habe, aber dann kommen die Worte in den Sinn: „doppelte Arbeit". Eine Nacht über eine unangenehme Sache zu schlafen, das hat mir schon viele Sorgen erspart. Heute noch kann ich nicht viel wegwerfen, sogar in Amerika, wo doch alles zum Wegwerfen gemacht ist, ohne an das Bauernweib zu denken, die den ganzen Hof in ihrer Schürze wegtragen kann. Wie viel leichter ist es, wenn man nach einem Streit zurückgehen und sagen kann: „Es tut mir leid, vergib mir und sind wir wieder gut; denn wir haben den Menschen nur weggelehnt und nicht weggeworfen.
Christl Fechter - Schöinhansl (Bountiful, Utah/USA)
Verleger, Herausgeber, verantwortlicher Schriftleiter: Richard Brummeißl, 8756 Kahl am Main, Seligenstädter Weg 60, Tel. (06188) 2359 — Postscheckamt 1, 6000 Frankfurt/Main, Konto-Nr. 3271 95-609, Preis je Stück 2,50 DM. — Herstellung: Druckerei Kolb, 8757 Karlstein/Main, Postfach 1145.
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