Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 183
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Andělé nemají žádnou šanci

Engel haben keine Chancen

Engel haben keine Chancen

Manchmal gefällt es dem lieben Gott, Engel auf die Erde zu schicken. Sie werden aber selten glücklich.

Theresia war kein barockes Englein. Im Gegenteil, sie war zart und zerbrechlich. Schon frühzeitig litt sie an Halsentzündungen, die sich von Mal zu Mal verschlimmerten. Der Arzt mußte den Rachen mit Jod auspinseln und dann sogar die Mandeln entfernen. Das war vor fast hundert Jahren noch ein äußerst gefährlicher und qualvoller Eingriff. Zu jener Zeit beginnt nämlich diese Geschichte. Damals lebte die Familie in einem kleinen Dorf bei Mies, ganz nahe an der Sprachgrenze. Ihr Einkommen war zwar gut, aber es mußte trotzdem immer genau eingeteilt und gespart werden. Eltern und Kinder waren dennoch zufrieden. Sie glaubten an Gott und die Hl. Kirche, das hob sie über alle Mühsal und Sorgen hinweg. Vielleicht wären sie für immer in ihrem stillen Heimatdorf geblieben, wenn nicht fremde Menschen in ihre Ruhe getreten wären.

Eines Tages bekam Vater einen Brief aus Kladno. Darin stand geschrieben, daß der Posten des Schmiedemeisters zu besetzen wäre. Man suche einen Mann, der neben seiner fachlichen Arbeit Dolmetschergrenze leisten könne. Zur Erkundung neuer Flöze wären preußische „Ingenieure und Geologen verpflichtet worden, während die Arbeiter hiesige Tschechen seien. Eine schöne Dienstwohnung würde zur Verfügung stehen, und die Entlohnung wäre sehr gut.

Obgleich dieses Angebot wirklich sehr verlockend war, fiel dem Vater die Zusage schwer. Sie bedeutete vor allem, daß er mit Frau und Kindern in die Fremde ziehen mußte. Der erste rauhe Herbstwind fegte eben über das Mieser Ländchen, als die Familie nach Kladno aufbrach. Unter Tränen nahm sie Abschied von der Heimat. Theresia hatte Angst, sie drängte sich an die Mutter.

In der neuen Wohnung war es leer und kalt. Es dauerte über zwei Wochen, bis die Möbel und der Hausrat mit der Bahn eintrafen. Die Kinder wurden in der Schule angemeldet. Dem Vater gelang es, wenigstens Theresia in einer deutschsprachigen Schule unterzubringen. Diese gehörte der deutschjüdischen Gemeinde von Kladno und wurde nach dem jüdischen Glauben geführt. Theresia lernte zwar sehr, und man war mit ihr äußerst zufrieden, aber es kam wegen der verschiedenen Konfessionen doch zu Schwierigkeiten. Daheim nach der Bibel zu leben und in der Schule nach dem Talmud zu lernen, das brachte sie vollkommen durcheinander. Die Eltern beobachteten es mit großer Sorge. Es blieb ihnen letzten Endes nichts anderes übrig, als auch Theresia in die tschechische Schule zu schicken. Damit war aber wieder ein anderer Kummer verbunden. Das Mädchen konnte noch kein Wort Tschechisch. Man versetzte es deswegen von der zweiten Klasse in die erste zurück. Da schrien die Kinder „Sitzenbleiberin" und machten Theresia sehr traurig. Weil sie zu den Eltern nicht wieder mit Klagen kommen wollte, verkroch sie sich mit ihren Tränen ins stille Kämmerlein. Bereits nach einem Vierteljahr durfte sie wieder aufrücken. Sie hatte in dieser kurzen Zeit die tschechische Sprache erlernt. Ihre Mitschülerinnen waren trotzdem nicht gut zu ihr. Stumm stand sie da und ließ sich von ihnen schlagen. Kein einziges Mal hob sie die Hand zum Gegenschlag, sie konnte es einfach nicht.

Kaum hatte die Familie begonnen, sich einzugewöhnen, da erschreckte eine Scharlachepidemie das ganze Land. Die Krankheit wütete furchtbar und riß viele Kinder in den Tod. Theresia verlor zwei ihrer Brüder. Die Eltern liefen verzweifelt durch die Wohnung und fragten den lieben Gott, weshalb er ihre beiden Söhne hat sterben lassen. Zum ersten Mal zweifelten sie an Gottes Güte und Gerechtigkeit. Dieses Elend konnte Theresia nicht mehr mit ansehen. Ihr kleines Gesicht wurde immer spitziger. Darüber erschraken Vater und Mutter sehr. Sie überwanden ihre große Trauer und wurden den Kindern zuliebe wieder heiter. In dieser Zeit heiratete Anna, die älteste Tochter. Sie zog zu ihrem Mann nach Neusattl. Das war damals noch eine weite Entfernung. Eine Tagesreise war das, und man mußte in Prag und in Komotau umsteigen. Außerdem kostete es viel Geld. Immer konnte nur ein Elternteil reisen. Diesmal sollte die Mutter fahren, sie hatte den jungen Haushalt ihrer Tochter noch nicht gesehen. Vater und Kinder gingen mit zum Bahnhof. Sie winkten, bis der Zug in der Ferne verschwunden war. Daheim war es ohne Mutter kalt und fremd. Die fünfzehnjährige Marie versah den Haushalt, so gut sie konnte, trotzdem war überall Mutters Abwesenheit zu spüren. Wenn der Vater abends von der Arbeit kam, war er müd und wortkarg. Alle warteten sehnsüchtig auf den Tag, an dem die Mutter heim kommen sollte. Sie zählten beinahe die Stunden.

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