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erschrocken angelaufen kam. Ich hätte den Kutscher zerbeißen, zerkratzen und erschlagen können. Da wurde mir immer gesagt, daß ich brav sein müßte, denn das Christkind könnte vom Himmel aus alles sehen, warum ließ es dann zu, daß der Mann seine Pferde so furchtbar peitschte? Langsam nur konnte ich mich beruhigen, vergessen konnte ich es nie.
Um fünf Uhr pfiff es von den Fabriken Feierabend. Das war mir auch neu, ich kannte nur Glockenläuten. Unter matten Straßenleuchten sah ich Menschen hasten und in Geschäfte huschen. Hinter Fenstern wurde Licht gemacht und Vorhänge zugezogen. Alles Bilder, die mir fremd waren und mich traurig machten.
Einige Jahre später war der eisige Winter 1929/30. Wieder stand Weihnachten vor der Tür. Ich zweifelte daran, daß das Christkind kommen würde, denn die Kälte fegte die Straßen menschenleer. Einen Tag vor dem Hl. Abend mußte Mama zu einer Beerdigung. Die Tochter eines Kunden war gestorben. Mama mummte sich bis über den Kopf ein, nur die Augen blieben frei, man konnte sie nicht mehr erkennen. Ich wollte unbedingt mitgehen. Mama wollte mich davon abbringen, aber es gelang ihr nicht. Also packte sie mich auch bis oben ein und zog mit mir los. Vor der Haustüre schlug mir die Kälte wie eine Peitsche ins Gesicht. Nur drei Häuser weit lief ich mit, dann schluchzte ich: „Mama, ich kann nicht!" Dann lief ich, so schnell ich konnte, ins Haus zurück. Ich hatte bereits solch erstarrte Finger, daß es in ihnen am warmen Ofen wie von ungezählten Ameisen krabbelte. Mama kam erst heim, als es dämmerte. Ihr Gesicht war fahl und zerrissen. Am Hl. Abend lag sie fiebernd im Bett. Vater bestellte uns schöne Grüße vom Christkindl und legte dessen Geschenke unter den Lichterbaum. Das waren traurige Weihnachten! Ohne unsere Mama war eben nichts richtig schön.
Noch ein Jahr später zogen durch Meierhöfen viele Sorgen und Trauer. Als an einem Morgen die Belegschaft der Porzellanfabrik „Epiag" an ihre Arbeit wollte, wurde ihr schon am großen Tor gesagt, daß es keine Arbeit mehr für sie geben würde. Auf meinem Schulweg begegnete ich den Männern und Frauen. Ihre Gesichter waren bleich, manche hatten Tränen in den Augen. Zu all dem Kummer brach noch eine Scharlachepidemie aus. Die Schule mußte geschlossen werden, weil die Klassen halbleer waren. Als kurze Zeit später auch in Altrohlau eine Fabrik den Betrieb einstellte, bekam ich Angst, daß es meinem Vater ebenso ergehen könnte und wir dann hungern müßten. Mein Vater tröstete mich jedoch und meinte, daß es noch lange nicht so weit wäre.
In der Tat, er vermochte sein Geschäft noch zu vergrößern und ein Haus zu erwerben. Es war erst zwei Jahre alt und gehörte zuvor einem Schreinermeister. Er war eines der ersten Opfer der gefürchteten Wirtschaftskrise geworden.
Oft hörte ich zu, wenn sich Erwachsene unterhielten. Sie sprachen fast nur von Arbeitslosigkeit und Veräußerungen. Immer mehr Menschen mußten „stempeln" gehen. Sie bekamen dann zwanzig Kronen und einen Laib Brot, egal wie groß die Familie war. Das Heer der Bettler, Hausierer, Straßenmusikanten, Scherenschleifer, Kesselflicker und Rastelbinder wuchs und wuchs. Vom Erzgebirge kamen die Klöppler, die Knopfmacher, die Schwammerlhändler und die Schwarz- und Preißelbeerweiber. Alle wollten sie verkaufen. Selbst Menschen mit Arbeit gerieten in Not, denn die Löhne wurden immer schneller gedrückt. Viele Leute ließen beim Kaufmann anschreiben. Die Schuldsumme wurde immer größer, weil die Tilgung laufend kleiner wurde. Die Folge war, daß man zum Geldverleiher ging. Dann wurde es aber erst recht schlimm. Ich sah jeden Samstag durch Meierhöfens Gassen und Straßen den Verleiher laufen. Er war gefürchtet. Sobald ihn die Leute sahen, huschten sie in die Hauseingänge. Er war stets unrasiert, trug einen verbeulten, zerfransten Anzug, eine speckige Schiebermütze und schiefgelatschte Schuhe. Mit sich führte er ein verdrecktes, , klappriges Fahrrad. Wie es hieß, soll er reich gewesen sein. Er jammerte aber immer, daß es einen Stein erweichen konnte.
Jede Arbeit, die sich bot, wurde von den Arbeitslosen angenommen. Manche bildeten Gruppen und bohrten in unserer braunkohlenreichen Gegend kleine Schächte. Das war zwar verboten, aber die Gendarmen drückten ein Auge zu. Nachts arbeiteten die Männer in ihren schlechtgesicherten Gruben, und am Tage fuhren sie die Kohle zum Verkauf in die Stadt. Die Wohnverhältnisse wurden allmählich katastrophal. Ganze Familien wohnten in einem einzigen Raum. Manche konnten sich auch das nicht mehr leisten. Sie zogen dann mit ihren Habseligkeiten raus an die Ortsgrenze, wo sie sich aus verschiedensten Materialien eine Hütte bauten. Immer wieder brachten sie alte, blecherne Reklameschilder angeschleppt, mit ihnen deckten sie lecke Stellen zu. Ich kannte eine brave, fleißige Familie, die, bis auf den jüngsten Sohn, mit einem Schlage arbeitslos wurde. Der Bub war Lehrling bei meinem Vater. Eines Tages sah ich,
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