Die Pünktlichkeit über alles
Es war ein harter Winter gewesen. Er hatte sich tief in die Erde hineingefroren gehabt, auf das Land eine dicke, weiße Decke gebreitet und klirrend das Eis über die Eger gespannt.
Aber dann setzte plötzlich schon in der zweiten Februarhälfte Tauwetter ein. Es kam mit Frühlingsstürmen aus dem Süden, über Nacht. Pausenlos tropfte es von den Dächern und Bäumen, das Wasser gluckerte ohne Unterlaß durch die Dachrinnen, und auf Straßen und Wegen matschte der Schnee zu knöcheltiefem Dreck. Auf dem Eis des Flusses stand das Tauwasser, kein Mensch wagte mehr, es zu betreten, obgleich wenige Tage zuvor noch die schweren Pferdefuhrwerke der Brauereien darauf gefahren waren, um die mächtigen Eistafeln, die man herausgehackt hatte, besser verladen zu können. Ja, und alle Leute waren über das Eis gelaufen, weil sie sich damit den weiten Umweg über die Brücke sparen konnten. Der dürfte immerhin an die siebenhundert Meter gewesen sein.
Aber an jenem Morgen, mit dem meine Geschichte beginnt, dachte ich nicht im Traum daran.
Es war Samstag, ich weiß es genau. Bleischwer hingen mir die Schuhe mit den Überschuhen an den dünnen Beinchen, so daß ich nur mühsam vorwärts kam. Auf halbem Wege triefte bereits mein Hubertusmantel, denn es hatte schon die ganze Zeit genieselt. Die Nässe perlte von meinen Haaren über das Gesicht und den Hals in den Kragen hinein. Unser Schuldiener stand mißmutig am Haustor und schaute gebannt auf die tropfende Kinderschar, die sich durch den Eingang drängte. Über die Gänge und Treppen zog sich ein Band schmutziger Lachen, die schönen weißen Fliesen waren total verschweinigelt. Ich war froh, als ich in der Garderobe den vollgesaugten Mantel zum Trocknen aufhängen und das schwere Schuhzeug ausziehen konnte. Mit Wackelbeinen schlich ich zu meiner Bank. Ich war müde. Am liebsten hätte ich meinen Kopf auf die Schreibplatte fallen lassen und wäre eingeschlafen. Aber das hätte ja einen Aufruhr gegeben, dessen Wellen bis in die Kanzlei der Frau Direktorin geschwappt wären. In die Schule geht man, um zu lernen und nicht, um zu schlafen!
Plötzlich tippte jemand an meine Schulter. Es war meine Klassenlehrerin. Sie wollte wissen, ob ich nach dem Unterricht noch eine Viertelstunde bleiben könne. Ich wußte zwar, daß ich mit meiner Zusage in Schwierigkeiten kommen würde, ich konnte jedoch unmöglich ablehnen. Nicht bei diesem Menschen. Ich wollte ihn nicht enttäuschen, und ich wollte ihm schon gar nicht weh tun. Wir mochten einander sehr gern, und da ich keine Mutter mehr hatte, war ich über die warmherzige Zuwendung meiner Lehrerin glücklich. Sie war nicht hübsch. Der liebe Gott hatte aber in ihrem Falle in die reizlose Hülle ein goldenes Herz und ein Gehirn mit Witz und Verstand gepackt. Und weil sie von ihren Eltern her vermögend war, konnte sie sich Weltreisen leisten, wie sie damals nur wenigen Menschen möglich waren. Sie konnte uns ungeheuer viel erzählen und machte damit ihren Unterricht äußerst spannend. Was ich von ihr erworben habe, gebe ich heute noch an meine Enkel weiter, und sie staunen ebenso wie ich damals. Also, wie gesagt, ich konnte die Bitte meiner Lehrerin nicht abschlagen. Es handelte sich um ein Probespiel auf dem Klavier. Am 7. März sollte Masaryks Geburtstag gefeiert werden. Es war sein fünfundachtzigster. Von der Schulleitung war eine Veranstaltung vorgesehen. Dafür standen Ansprachen, klassische Gedichte und musikalische Vorträge auf dem Programm. Mir wurde die Aufgabe zuteil, etwas von Smetana auf dem Klavier zu spielen. Das war aber nicht so einfach und bedeutete, daß ich viel dafür üben mußte. Darüber war ich ganz und gar nicht begeistert, denn mir blieb ohnehin kaum ein bißchen Freizeit übrig. Aber was konnte ich tun? Nichts! Jedenfalls war das zu unserer Zeit so.
Ich wartete also, wie vereinbart, auf meine Lehrerin. Aber wer nicht kam, war sie. Ich lief nervös auf und ab, zum Fenster, ins Treppenhaus. Und die Zeiger der Uhr rasten. Sie hatte bereits viertelzwei geschlagen, als meine Klassenlehrerin hochrot angerannt kam. Als sie mir dann erzählte, daß sie von der Frau Direktorin aufgehalten worden war, hatte ich zwar größtes Verständnis aufbringen können, aber an meiner brenzligen Lage vermochte das nichts zu ändern. Der Schlamassel hatte schon längst begonnen. Ich wußte, daß bereits um zwei Uhr mein Klavierlehrer bei uns daheim am Tisch saß und auf mich wartete. Er zeigte sich immer gereizt, wenn es länger dauerte, denn nach mir hatte er noch anderswo zwei Unterrichtsstunden zu geben und dann noch den weiten Heimweg nach Horn hinter sich zu bringen. Aber schlimmer war für mich, daß mein Vater jedes Mal vor Zorn rot anlief und mit den Augen rollte, auch wenn ich nur fünf Minuten zu spät kam. Er verlangte unbedingte Pünktlichkeit. Dieser Zwang sollte mich noch in große Gefahr bringen, wie diese Geschichte zeigen wird.
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