Zum Tag der Heimat 1985: Treue zu Deutschland — 40 Jahre nach Krieg, Vertreibung und Teilung
Zum Tag der Heimat 1985:
Treue zu Deutschland — 40 Jahre nach Krieg, Vertreibung und Teilung
Der Tag der Heimat, den wir jedes Jahr feierlich begehen, steht im Jahr 1985 ganz im Zeichen der Erinnerung an die Ereignisse, die für viele Millionen Ostdeutsche und über drei Millionen Sudetendeutsche mit dem Kriegsende 1945 begannen. Die grausame Massenvertreibung war vor 40 Jahren in Gang gekommen. Auch vor den Frontkämpfen geflüchtete Deutsche wurden nicht mehr in ihre Heimatorte zurückgelassen und von den kommunistischen Eroberern vertrieben. Furchtbare Grausamkeiten begleiteten in den ersten Monaten diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zu lange breitete man darüber den Schleier des Schweigens. In den letzten drei Jahren begann sich dies zu ändern.
Wir wollen nicht aufrechnen, nicht über Zahlen streiten, nicht Haß schüren. Ebensowenig wollen wir die Erinnerung an zahllose Untaten, die auch Deutsche begingen, verdrängen. Jeder gemordete Mensch, Nichtdeutscher und Deutscher ist ein unschätzbarer Wert, jede Folter grauenvolles Leid.
In diesem Jahr gedenken wir aber nicht nur der Ursachen und Umstände der Vertreibung, ihrer Folgen und Aufgaben, die sie uns und anderen — nicht zuletzt im Zusammenhang mit neuen Vertreibungen — für Gegenwart und Zukunft stellen, sondern ebenso der deutschen und europäischen Katastrophen, die durch Beendigung der Kriegshandlungen am 8. Mai 1945 ihr teilweises Ende fanden. Dies war auch das Ende grausamer Diktaturen bei uns und anderen Völkern, deren Schrecken und Untaten ungeheuerlich waren. Die Millionen von Toten des Krieges und grausamer Gewalttaten sind für unser Volk, für andere Völker, aber auch für die Vertriebenen 40 Jahre danach Anlaß zu Trauer und Besinnung.
Das Völkerrecht kennt keinen Strafprozeß, aber es gilt, politisches und anderes Unheil, im Namen Deutscher und anderer vollzogen, durch konstruktive Zusammenarbeit mit den geschädigten Völkern zu überwinden und dabei die guten Seiten der Deutschen — auch zugunsten der Freiheit und Existenz anderer Völker — zu entfalten. 1985 gedenken wir ebenso dieser konstruktiven Aufgaben. Gerade wir, die Heimatvertriebenen, so stellte der Sprecher der Sudetendeutschen anläßlich des Sudetendeutschen Tages in Stuttgart fest, haben den geschichtlichen Auftrag, auf der Grundlage unserer eigenen bitteren Erfahrung mit Unrechts- und Gewaltsystemen Wegbereiter einer dauerhaften Versöhnung unter den Völkern zu sein.
Wir verkennen aber nicht die Tatsache, daß Sorglosigkeit, Fehlentscheidungen, selbst verursachte Schwächen und Verkennung der Diktatur seitens der freien Staaten dem Durchbruch der Unterwerfungspolitik Hitlers vorangingen. Die Folgen dieser fundamentalen Fehler sollte man nicht übersehen. Sie mahnen, daß man im Bereich freier Staaten und Völker die Abschreckung militärisch-politischer Erpressung, Verteidigungswillen und Verteidigungskraft nicht zu spät entfalten darf.
In Stuttgart haben die Sudetendeutschen erneut geforder: Nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur, nie wieder Vertreibung! Wir Sudetendeutschen sind zur Aussöhnung mit unseren östlichen Nachbarvölkern bereit, zu der wir uns bereits in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen bekannt haben. Diese Aussöhnung kann aber nur, soll sie Aussicht auf einigen Bestand haben, auf der Grundlage von Menschenrechten, Völkerrecht, dem Recht auf die Heimat und dem auf freie Selbstbestimmung aller Völker und Volksgruppen beruhen.
Der Tag der Heimat ist für uns traditionell der Anlaß, uns erneut zu dem Recht auf Heimat auch der sudetendeutschen Volksgruppe zu bekennen. Wir verzichteten vor 35 Jahren in Eichstätt und später in Stuttgart feierlich auf Rache und Vergeltung, nicht aber auf unsere Heimat und auf unser Recht. Im Geiste der vor 35 Jahren in Stuttgart verkündeten „Charta der deutschen Heimatvertriebenen" und des 1950 mit den in Freiheit lebenden Tschechen abgeschlossenen „Wiesbadener Abkommens" bleibt ein Europa der Partnerschaft freier Völker und Volksgruppen, aufgebaut auf dem Recht auf die Heimat und dem Recht auf freie Selbstbestimmung, unser Ziel. Treue zur Heimat, die fest in unseren Herzen verankert ist, wird das ihre dazu beitragen.
Deshalb ist unser Leitwort zum Tag der Heimat 1985:
Treue zu Deutschland — 40 Jahre nach Krieg, Vertreibung und Teilung! (SN nach einem DOD von Dr. Herbert Czaja, DOD Sonderausg. I/85)
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