Kind lag ahnungslos und schlafwarm zwischen Schwarzbeerkraut, während seine Heimat blutete. Ich weiß nicht, wie lange ich erstarrt am Waldrand saß, die Entwarnung habe ich nicht gehört.
Meine Gedanken wanderten hinauf in den Wald, wo hinter mir der Weg über die „Heid" nach Schlaggenwald führte. Wie oft war ich darauf gegangen, mit den Eltern, mit der Großmutter?! Und wie schön war es doch, wie wunderbar, wenn man beim „Sand" aus dem Wald kam und sich das Bild des Städtchens und der umliegenden Dörfer bis hin nach Schönfeld eröffnete! Ob ich noch einmal dort hinüber wandern würde?
Mein Blick fiel hinunter auf die Landstraße. Keine hundert Meter war sie von mir entfernt. Ich denke daran, daß unser Herr Lehrer Hanika von der Volksschule in Meierhöfen einmal einen Ausflug mit uns, seinen Schülerinnen, zum „Hans Heiling" machte. Die Sonne glühte auf die weiße Straße und sechzig Kinderfüße wirbelten bei Marschschritt den Staub derart auf, daß wir nicht mehr singen wollten und nur noch nach kühler Limonade lechzten. In meiner Botanisiertrommel hatte ich zwei Kümmelweckerl mit Salami, saure Zuckerln und zwei Kronen. Das war schön, beinahe ein Himmelreich. Im Garten des Cafés saßen wir unter alten Bäumen, und während wir uns stärkten, erzählte uns Herr Lehrer Hanika die traurige Geschichte vom treulosen „Hans Heiling", der nun samt Braut und Hochzeitsgästen und sogar dem Pfarrer auf dem gegenüber liegenden Ufer der Eger versteinert für alle Zeiten stand. Das war schon eine sehr harte Strafe, ich hatte Mitleid. Mittlerweile war ich oft bei der verwunschenen Gesellschaft gewesen, ihr Schicksal hielt mich noch immer gefangen.
Mein Vater ging öfter unterhalb der „Hans Heiling-Felsen" fischen. Einmal nahm er sogar meinen Bruder mit. Sie hatten ein Zelt dabei und blieben über die ganze Nacht an der verwunschenen Stätte. Heini erzählte mir nachher, daß er doch rechte Angst hatte, weil er glaubte, die Felsen könnten zum Leben erwachen. Da hat er sich tief in den Schlafsack verkrochen und sich in den Schlaf gezittert.
Nun schaute ich runterwärts zur Eger. Beim Stahlhof schwenkt sie mit einem breiten Knie von der Nordrichtung in die Ostrichtung. Der Fluß ist dort tief und scheint kaum zu fließen. Und schwarz ist dort das Wasser wie im Moor. Einmal an einem schönen Sonntag im Frühling mietete mein Vater einen Kahn, ließ Mama, Heini und mich einsteigen und fuhr uns über die weite, dunkle Wasserfläche. Für meine Kinderaugen war sie sogar ein riesiger See mit winzigen Bäumen am Ufer. Ich bekam schreckliche Angst und begann zu schreien, daß ich sofort aussteigen wolle. Dabei sprang ich auf und brachte das Schifflein gefährlich ins Wanken. Vater schrie mich an, daß ich mich setzen solle, Mama dagegen suchte mich zärtlich zu trösten, obgleich sie selbst ebenfalls zitterte. Wir konnten nämlich alle nicht schwimmen. Nachdem mein Vater die Mama und mich an das sichere Land gebracht hatte, fuhr er mit Heini zusammen nochmals in das finstere Wasser hinaus. Mama ließ den Kahn keinen Augenblick aus ihrer Beobachtung. Endlich kamen die Beiden zurück. Heini war es ebenfalls nicht wohl dabei gewesen, aber damals mußte ein Junge stark sein und durfte keine Angst zeigen. Mir hat er aber trotzdem auf dem Heimweg anvertraut, daß die ganze Kahnfahrerei überhaupt kein Vergnügen war, denn das Wasser drohte manchmal über den Bootsrand zu schwappen. Und nun war mein Bruder irgendwo im nördlichen Italien und kämpfte gegen eine Übermacht, und ich saß hier am Waldrand und wagte nicht den Heimweg anzutreten.
Es war gegen Mittag, als Rudi sich dehnte und rekelte und wach wurde. Er hatte Hunger, und er hatte Durst.
Als wir heim kamen, war es unheimlich still im Hause. Kein Mensch schien darin zu sein. Im Erdgeschoß war jedoch die Polizeistation einquartiert worden, den ersten Stock bewohnte der Hausherr und der zweite Stock war vermietet gewesen. Ich schlich mit dem Kind die Treppe hinauf und hoffte, daß mich niemand hören würde. Meine Nachbarin hatte aber ihre Türe nur angelehnt gehabt, denn sie wartete auf mich. Schon seit Stunden saß sie da, bangte und wartete. Sie war eine ältere, gutherzige und sanfte Frau. Ihre Augen waren ausgeweint, die Wangen hohl, die Schultern müdhängend, und ihre Stimme kam leise von weither. Erst wenige Wochen zuvor hatte man der Familie die Nachricht gebracht, daß ihr einziger Sohn Rudolf auf dem Felde der Ehre gefallen sei, daß er ein tapferer Soldat gewesen wäre und nicht mehr leiden brauchte. Darnach sperrten sich Vater, Mutter und Tante mit ihrem Schmerz in der Wohnung ein, und niemand wagte es, sie zu stören. Eines Nachts rang die arme Tante nach Luft und wurde ganz blau. Ich lief zum Dr. Pöpperl, aber er konnte nicht mehr helfen. Die Qual hatte der kränkelnden Frau das Herz erdrückt. Sie war unverheiratet gewesen und hatte in dem Neffen ihr eigenes Kind gesehen. Nun war das Ehepaar allein. Der Mann schenkte meinem
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