Der Türmer von St. Georg
Der Türmer von St. Georg
Ein Schlaggenwalder Original — der „höchste Mann" des Städtchens
Das weithin sichtbare Wahrzeichen der ehemals kaiserlich freien Bergstadt Schlaggenwald im Egerland ist der Turm der St.-Georgskirche. Hoch oben am Glockenberg reckt er seine steinerne Gestalt in den Himmel, während sich unten im Tal die Häuser der Stadt dicht aneinander drängen. Das Besondere an diesem Turm war der alte Türmer, der die Aufgabe hatte, die Stundenglocke zu bedienen und Feuerwacht zu halten.
Mit seinem schütteren weißen Haar, seinem zerfurchten Gesicht, seiner ovalen Brille und der Tabakspfeife im Mund, verkörperte der Türmer von St. Georg ein Stück Mittelalter. Die Bewohner des Städtchens konnten sich den Türmer kaum anders vorstellen, so war seine Erscheinung ihnen ans Herz gewachsen. Seit Jahrzehnten schon versah er gewissenhaft seinen Dienst. Wie lange er tatsächlich oben am Turm lebte, konnte keiner sagen. Aus seinen hellen Augen lachte der Schalk, und in seinen lustigen Aussprüchen verbarg sich viel Lebensweisheit. Sein stets frohes Gemüt verdankte er der Weite des Himmels, die ihn umgab.
Es bereitete einige Mühe, den Türmer von St. Georg zu besuchen. Denn die enge und steile Holztreppe, die im Innern des Turms in vielen Windungen zu der Wohnung des Türmers emporführte, wollte fast kein Ende nehmen. Je höher man hinauf kam, desto stärker vernahm man das dumpfe und monotone Ticken der großen Turmuhr, die in einer besonderen Kammer aufgestellt war und vom Türmer Tag für Tag aufgezogen werden mußte.
Von der Galerie des Turmes hatte man einen herrlichen Rundblick auf die Stadt und die reizvolle Landschaft mit ihren Bergen und Tälern. Man sah den Spitzberg, den Krudum und den Höhenzug der Heide. An klaren Tagen konnte man in nordwestlicher Richtung die bläuliche Silhouette des Erzgebirges erkennen.
Das Leben oben am Turm war mit verschiedenen Schwierigkeiten verbunden, denn das Wasser, das Heizmaterial und die Lebensmittel mußten die vielen Stufen hinaufgeschleppt oder von außen mit einem Seilzug hinaufgezogen werden. Hinzu kam die ständige Bereitschaft und Wachsamkeit, die das Türmeramt erforderte. Wenn die Stadt schlief, machte der Türmer in kurzen Zeitabständen seine Runde auf der Galerie des Turmes. Er hielt Ausschau in das Dunkel der Nacht. Entdeckte er einen Feuerschein, so alamierte er die Bewohner durch Zuruf mit einem großen, trichterförmigen Sprachrohr und durch Glockengeläut.
Als es noch keine Zeitansage durch den Rundfunk gab, konnten die Bürger von Schlaggenwald ihre Uhren genau nach den Schlägen der Stundenglocke richten, die der Türmer von seiner Stube aus bei Tag und bei Nacht bediente. Der Türmer von St. Georg war in des Wortes wahrster Bedeutung der „höchste Mann" der Stadt. Sein Blickfeld war größer und weiter als das der Menschen unten im Tal. Wie kaum ein anderer konnte er den bunten Wechsel verfolgen, der sich in der Landschaft im Kreislauf des Jahres vollzog. Auch die Sonne meinte es gut mit dem alten Türmer. Sie schickte ihm am Morgen die ersten und am Abend die letzten Strahlen. Er spürte aber auch das Toben der Elemente am stärksten.
Von der Wiege bis zum Grabe konnte er den Lebensweg der Menschen unten im Städtchen verfolgen. Er sah die Taufgäste und Hochzeiter zur Kirche schreiten, er sah aber auch, wie sie drunten auf dem Friedhof die Särge in die Erde senkten. Und eines Tages standen die Leute auch vor seinem Grab. Es gab keinen alten Türmer mehr. Doch seine Landsleute, die wenige Jahre später von der heimatlichen Scholle vertrieben wurden, haben ihn nicht vergessen. Wenn ihre Gedanken zurückfliegen in die Heimat, dann taucht vor ihnen auch das Bild des alten Türmers von St. Georg auf, das in ihren Herzen liebe Erinnerungen wachruft.
Rudi Marterer
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