Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 180
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Svěcení pramene

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im selben Augenblick meine Freundin Herta zur Tür herein und lenkte die Gedanken aller Anwesenden auf erfreulichere Dinge. Wunderhübsch sah sie aus, frisch und zart wie ein Elflein. Sie hatte ein weiß-himmelblau-rosanes Dirndl an, das aus Tirol eingeführt worden war, woher auch Hertas Mama kam. In der Hand hatte das süße Kind ein Sträußlein süßer Maiglöckchen.

Langsam wurde mir wieder übel, als ich dieses Frühlingsbild in mich aufgenommen hatte. Ich fühlte mich plötzlich alt und unbeholfen. Meine Haut schien zu einer Kruste erstarrt, so eingeengt war ich in ihr. Ein häßliches graues Entlein war ich, Herta dagegen ein schlankes, rankes Reh. Sie leuchtete mich mit ihren blanken Augen an und fragte: „Bischt no nit ferta?" Das war tirolerisch. Da raffte ich schnell alle meine Komplexe zusammen und verstaute sie einstweilen im Hinterkopf, dann gab ich mir einen körperlichen und einen seelischen Ruck und rannte mit zitternden Beinen hinter dem Rehlein her.

Als wir an die Eger kamen, fächelte vom Wasser her ein kühles Lüfterl an meine heißen Wangen. Herta schien von meiner Mühsal nichts zu merken. Sie zwitscherte und kicherte immerfort und war froh, daß ich sie nicht unterbrach. Bei der Fischener Brücke verließen wir erst das Flußufer. Bis hierher hörten wir das Stimmengewirr vom Markthallenplatz.

Unsere Klasse empfing uns mit fröhlichem Geschnatter. Wir wurden gedreht und gewendet, bezupft und befingert und im Kreise gewirbelt. Alle fanden unsere Dirndl wunderschön, und mir krabbelten ungezählte Ameisen durch die Glieder. „Herta, mir wird schlecht!" ächzte ich meinem Rehlein ins Ohr. Bestürzt sah es mich an, aber dann riß es mich mit ungeahnten Kräften aus der munteren Menge und zerrte mich über die Straße zu den gutgepflegten Stadthäusern, die dort in einer langen Zeile standen. Gleich die erste Haustüre stand offen. Wir stolperten die wenigen Stufen zu einer Korridortüre hoch, dann lehnte sich meine Samariterin an den Klingelknopf. Eine Ewigkeit kämpfte ich vor der schönen Buntglasscheibentüre, bis ich dann doch aufgeben mußte. Ich schaffte die Haustüre nicht mehr. Alles, was ich noch im Magen hatte, verteilte ich gleichmäßig auf die paar Stufen. Es war mir wirklich peinlich, und es tat mir schrecklich leid, aber sonst konnte ich nichts tun, denn Herta riß mich energisch von der Stätte meines vergeblichen Kampfes. Als wir auf den Platz kamen, setzte sich auch schon der Festzug in Bewegung. Die flotten Marschklänge halfen mir wieder ein bisserl Fassung und Haltung zu erlangen. Wir marschierten runter zur Tepl und gingen dann am Elisabethbad mit seinem Park vorbei. Bei der Hauptpost bewegte sich der Festzug über die Brücke zum Meinl-Eck und dann weiter flußaufwärts durch unsere herrliche Kurstadt bis zum Sprudel. Links und rechts der Straßen winkten viele, viele Menschen mit Blumen, Fähnchen und bunten Luftballons. Es war ein Lärm und Getöse mit Musik und Paukenschlag. Für mich wurde das Maß voll. Ich ging schon nicht mehr selbst, ich wurde nur noch gezerrt und geschoben. Kurz bevor sich beim Sprudel der Festzug auflöste, riß mich eine starke Hand aus der Menge. Es war mein Vater. Kraftlos fiel ich an seine Brust. Er war im letzten Augenblick gekommen, um mich aufzufangen. Voller böser Ahnungen und Ängste war er hierher geeilt, denn mein grünblasses Gesicht war ihm nicht aus dem Sinn gegangen.

Nun hob er mich hoch und trug mich durch die Menschenmassen bis zum Theaterplatz, wo ein Fiakerstand war. Schon von weitem rief er: „Schnell, das Kind ist krank!" Der Fiaker aber antwortete: „Dös geht net, weil wegn der Brunnenweihe d'Straßn gsperrt is!" Mein Vater schrie: „Dös ist mir ganz egal! Auf meine Verantwortung." Da machte der Mann seine Chaise frei und ließ Vater mit mir einsteigen. Vorsichtig bettete er mich auf die Polster, dann ruckte der Wagen an. Beim Sprudel staute sich immer noch die Menschenmenge, zäh und undurchdringlich. Nun aber brüllte Vater aus Leibeskräften: „Weg da, das Kind ist krank!" Ein Polizist, der uns aufhalten wollte, sprang erschrocken beiseite, und die Leute traten zurück und bildeten eine Gasse. Unsere Pferde trabten dann ungehindert bis Meierhöfen. Vater ließ gleich unseren Dr. Siegl kommen, der wieder einmal feststellen konnte, daß ich Angina hatte. Mehrere Wochen brauchte ich, bis ich fest genug auf den Beinen stehen konnte, um in die Schule gehen zu können. Inzwischen hatte meine Klasse einen Deutschaufsatz mit dem Titel „Die Brunnenweihe" schreiben müssen. Mir wurde diese Arbeit erlassen.

Falls aber jemand annehmen sollte, daß ich mich damals nur drücken wollte, möchte ich das heute widerlegen, indem ich hiermit die Klassenarbeit nachgeholt habe.

Hermine Walter, geb. Palm

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