Mitbrüder die Leitung des Sudetendeutschen Priesterwerkes, die er bis zu seinem Tode innehatte. Hier intensivierte er die Hilfe für unsere Priester und Missionare im Osten und in der weiten Welt und für die verfolgte Kirche in der alten Heimat. Großen Anteil nahm er an der Vorbereitung der Feierlichkeiten zur Heiligsprechung des in Prachatitz geborenen Bischofs Johann Nepomuk Neumann, der sich um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der Seelsorge der Einwanderer nach Nordamerika, unter denen viele Deutsche und Tschechen waren, verzehrte († 1860 in Philadelphia). Prälat Reiß war auch sehr um die Seligsprechung der Schulschwester Klara Fietz bemüht, die, aus Nieder-Lindewiese gebürtig, in jungen Jahren 1936 in Graz im Rufe der Heiligkeit starb. Wiederholt wies er auch auf das fromme Sterben des Mariannhiller Paters Engelmar Unzeitig aus dem Schönhengst hin, der sich im KZ Dachau freiwillig für die Pflege von an Fleckfieber erkrankten Russen gemeldet hatte und hier 1945 starb, dessen Seligsprechungsprozeß vor kurzem eröffnet wurde. Unsere Heiligen, sagte Prälat Reiß oft, sind vor der Weltkirche lebendige Zeugen unserer sudetendeutschen Heimat. In ihm, dem ausgeprägten Egerländer Priester, sind Heimat, Volk und Kirche zu einer lebendigen Einheit geworden, nicht zuletzt da er auch selber das schwere Schicksal unserer Landsleute miterlitten hat und ihnen dabei als Priester zur Seite gestanden ist.
Prälat Dr. Reiß stammte aus einer kleinbäuerlichen Familie in Altzedlisch im Egerland. Das Egerländer Volkstum und die kernige Frömmigkeit, Rechtlichkeit und Anspruchslosigkeit seines Vaters haben ihn zeitlebens geprägt. Die Gymnasialstudien in Mies beendete er mit Auszeichnung. Das Studium an der Theologischen Fakultät der Prager Deutschen Universität schloß er mit dem Doktorat ab. Nach seiner Priesterweihe (1937) wurde er als Kaplan in eine rein tschechische Gemeinde bei Melnik eingesetzt. Trotz der damaligen nationalen Spannungen gewann er dort das Vertrauen der gläubigen Tschechen, von denen einige noch viele Jahre nachher ihm dankbare Briefe schrieben. Nach dem Anschluß der sudetendeutschen Gebiete und der Errichtung eines Generalvikariats für den deutschen Teil der Erzdiözese Prag berief ihn der Generalvikar Prälat Karl Bock zu seinem Sekretär. So lernte er hier auch die kirchliche Verwaltungsarbeit kennen. Als mit dem Zusammenbruch 1945 die sudetendeutsche Bevölkerung wehrloses Opfer von Entrechtung, Beraubung und Gewalttätigkeit wurde, berichtete darüber Dr. Reiß dem Päpstlichen Nuntius in Prag. Sein Bericht, der abgefangen wurde, brachte ihn für 5 Monate in das Karlsbader Gefängnis. Wie durch ein Wunder kam er wieder frei. Zu Mariä Himmelfahrt 1946 wurde er mit einem Transport abgeschoben und kam nach Hessen in die Mainzer Diözese.
Hier ernannte ihn der Diözesanbischof 1947 zum Vertriebenenseelsorger für die ganze Diözese. Trotz einer weiteren Kaplanstätigkeit bei St. Marien in Offenbach verschaffte er sich die Zeit, seine Landsleute, die in den ersten Elendsjahren, ihrer Heimat beraubt, kaum noch Hoffnung für die Zukunft hatten, in die Dörfer der hessischen Diaspora nachzugehen, um ihnen mit dem Glauben an die Segensmacht des Kreuzes Christi Kraft und Trost zu spenden.
Noch seine letzte Oster-Meditation, die in zahlreichen Heimatblättern publiziert worden ist, schloß er mit dem Wort: „Ohne Kreuz — keine Krone." — 1955 berief ihn Bischof Stohr zum Aufbau einer Pfarrgemeinde am Stadtrand von Offenbach mit zwei großen Barackenlagern. Dr. Reiß kümmerte sich nicht nur um den Bau einer Kirche, des Pfarrhauses, eines Kindergartens und Pfarrzentrums, sondern führte auch die von überall herkommenden Gläubigen in der Pfarrei Heilig-Kreuz zu einer lebendigen Gemeinde zusammen. Seine besondere Sorge galt auch dort den Menschen im Elend. Priestertum — das bedeutete für Dr. Reiß Dienst an den Menschen in Not zur Ehre Gottes, der den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat. Er bekannte einmal im Gespräch: „Ich habe es nie bereut, Priester geworden zu sein und bin meines priesterlichen Berufes immer froh gewesen."
Seine Mitbrüder und Landsleute, die ihm als Menschen und Priester einmal begegnet sind, werden Prälaten Dr. Karl Reiß als einen echten Volkspriester in Erinnerung behalten.
Das Begräbnis des Verstorbenen hielt Diözesanbischof Prof. Dr. Karl Lehmann unter Assistenz von Weihbischof Gerhard Pieschl, dem Beauftragten für Vertriebenen-Pastoral. Neben den Visitatoren der ostdeutschen Diözesangemeinschaften erwiesen überaus viele einheimische und vertriebene Priester und Gläubige, Vertreter von Gemeinde und Staat sowie landsmannschaftlicher und anderer Verbände dem Verstorbenen die letzte Ehre. R.i.p.
P. Paulus Sladek
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Röm.-Kath. Pontifikalmesse — Sudetendeutscher Tag 1985 in Stuttgart (Killesberg)
Röm.-Kath. Pontifikalmesse — Sudetendeutscher Tag 1985 in Stuttgart (Killesberg)
„ . . . Auf dem Kreuz der Vertriebenen also steht ein Wort, es lautet: Mut. Wieviel Mut war nötig zum Überleben? Ich denke 40 Jahre zurück und sehe mich, einen kleinen zehnjährigen Flüchtlingsjungen, stehen mit meinen noch jüngeren Geschwistern, mit Mutter und Großmutter — der Vater war ein Jahr vorher gefallen — mutterseelenallein auf einem tschechischen Bahnhof. Wir waren vor den Russen geflohen, eingeholt, aller Habe beraubt und versuchten wieder — nach naiver Zivilistenart —, mit dem Zug zurück in die Heimatstadt zu kommen. Ein Zug lief zwar ein — es war ein Truppentransport, der mit knirschenden Bremsen stehenblieb. Aus einem Wagen, der direkt mir gegenüber zum Halten kam, sprangen junge Soldaten, auch nicht viel größer als ich — es mögen Kirgisen oder Tartaren gewesen sein —, heraus und fanden Gefallen an meinem Rucksack und an meinem Pullover. Sie wollten ihn mir ausziehen. Ich sträubte mich und wollte ihn behalten. So kam es zu einem Hin und Her mit Boxhieben und Ohrfeigen. Es rettete mich der tschechische Bahnhofsvorsteher. Er pfiff den Zug ab — meine Peiniger ließen von mir und rannten ihrem Wagen hinterher.
Ich wähle diese mich betreffende Geschichte, weil ich Sie auffordern möchte, selbst nachzudenken und damit zu erkennen, welch Überlebensmut damals nötig war. Woher kam die Kraft? Wer half? In wieviel Not — hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!
In keiner der großen Gedenkreden zum 8. Mai ist meines Wissens der Mütter gedacht worden. Ich möchte heute ausdrücklich besonders der Mütter und Frauen in Dankbarkeit und Verehrung gedenken. Sie trugen und tragen noch bis heute die Hauptlast . . ."
(aus der Predigt von Weihbischof Gerhard Pieschl)
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