Mein Dienst als Wehrmachtshelferin
Es ist fast 40 Jahre her. Der Rußlandfeldzug war im vollen Gange. Ich war jung verheiratet und mein Mann, der dort kämpfte, seit achtzehn Monaten nicht zu Hause gewesen. Wie wartete ich da immer sehnsüchtig auf Nachricht von ihm. Eines Tages kam Post vom Wehrmachtskommando. Ich erschrak. Das bedeutete nichts Gutes. Gott sei Dank betraf es nicht meinen Mann, sondern mich. Als kinderlose Frau, hieß es da, müsse auch ich mich für Volk und Vaterland einsetzen. Ich wurde somit als Wehrmachtshelferin nach Reichenberg einberufen. Schon bald ging ein Zug mit Frauen und Mädchen aus dem ganzen Kreis von Karlsbad ab. In Reichenberg angekommen ging es gleich militärisch zu. Wir mußten uns zwei und zwei aufstellen und ab gings im Gleichschritt marsch dem Ausgang des Bahnhofs zu. Wir kamen an einem Zug vorbei, der Soldaten aus Rußland brachte. Lauter bärtige Gesichter guckten aus den Fenstern. Sie lachten und riefen uns verschiedenes zu. Wären meine Augen nur nicht tränenverschleiert gewesen, hätte ich wahrscheinlich besser hingesehen und alles wäre ein bißchen anders gelaufen. Geschlossen ging es zur Kaserne und wir wurden gleich wie Soldaten behandelt.
Am nächsten Vormittag wurde ich zur Kommandantur gerufen, einer abseits stehenden Baracke. Schon von weitem hörte ich erregte Stimmen. Die eine kam mir irgendwie bekannt vor. Ich trat ein und sah einen abgemagerten bärtigen Soldaten stehen, der wild um sich gestikulierte und dabei eine Pistole schwang: „Die braucht keinen Urlaub, die bleibt zu Haus", brüllte er, und da erst erkannte ich meinen Mann. Ich glaubte an ein Wunder.
Am Tag zuvor war ich am Reichenberger Bahnhof an ihm vorbeimarschiert. Er war unter den Rußlandurlaubern und wir hatten uns nicht gesehen.
Er kam um Mitternacht in Karlsbad an. Um 5 Uhr früh ging erst der erste Zug nach Schlaggenwald. Bis dorthin bist du längst zu Hause, dachte er und marschierte trotz großer Müdigkeit los. Vierzehn Tage Bahnfahrt hatte er hinter sich. Immer schwerer drückte das Gepäck. Aber er kam ja mit jedem Schritt Schönfeld und mir näher. Totenstill lag unser Städtchen da. In der Nähe unseres Hauses zog er die Stiefel aus, um niemand zu wecken. Unsere Haustür war selten verschlossen, so konnte er zu unserer Wohnungstür kommen. Er klopfte erst leise, dann immer stärker, bis meine Mutter und Schwester im oberen Stockwerk erwachten und zur Treppe eilten. Beide begannen zu jammern, als sie meinen Mann sahen, und er dachte, ich wäre gestorben. Nach Klärung des Sachverhalts war es mein Mann, der alle inzwischen aufgewachten Hausbewohner beruhigte. „Ich bring sie wieder", versprach er. Nach zwei Stunden Schlaf, einer kurzen Säuberung und einem Besuch bei seinen Eltern, zog er wieder los Richtung Reichenberg. In Karlsbad wollte man ihn nicht durch die Sperre lassen. Sein Urlaubsschein laute nur auf Schönfeld, hieß es. Aber mit Hinweis auf sein goldenes Verwundetenabzeichen (darunter eine Kopfverletzung, wie er betonte) und seine anderen Orden und Ehrenzeichen, ließ man ihn passieren.
Um neun Uhr war er schon auf der Kommandantur und ich kam mit meinem militärischen Begleiter gerade dazu, wie er mit der Pistole herumfuchtelte und meine Entlassung forderte. Der Gefreite hinter dem Schreibtisch hatte sich geduckt und richtete sich eben wieder auf. Mein Mann riß mich an sich, als er mich sah. Der Spieß sagte uns, daß wir Glück hätten, denn morgen wäre ich schon nicht mehr hier, da ich für Norwegen bestimmt sei. Im übrigen gehöre ich schon nach Eger. Er erlaubte uns, sofort dorthin zu reisen. Damals standen Rußlandkämpfer mit Orden und Ehrenzeichen noch hoch im Kurs, sonst wäre wohl nicht alles so reibungslos verlaufen.
In Eger mußte mein Man einem alten österreichischen Offizier sein Anliegen vortragen. Er war sehr leutselig und ließ auch mich hereinrufen. Mein Mann mußte vom Rußlandfeldzug erzählen und wie er zu seinen Orden kam. Zum Schluß meinte er, wenn einer den Kopf hinhalte, sei es genug. „Nehmen Sie Ihre Frau mit, sie ist entlassen." Am Abend waren wir zu Hause.
Ist das alles nicht Gottes Fügung gewesen? Wäre mein Mann damals nicht gekommen, wäre ich heute vielleicht im Norden oder Osten verschollen.
Mein Dienst als Wehrmachtshelferin hat genau sechsunddreißig Stunden gedauert.
Anna Egerer (Schönfeld)
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