Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 179
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Moje prateta Anna z Karlových Varů

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die ihre Lieben zusammenhielt. Großonkel Emil fühlte sich wohl unter ihren Fittichen. In der Saison schnappte er sich jeden Nachmittag seine „Kreissäge" und lustwandelte zum Kurkonzert, während seine weise Gemahlin ihm nachlächelte.

Am liebsten erzählte meine Großtante Anna von ihren Kindern, und da am allerliebsten von ihrem Jüngsten Hansi. Walter, den Ältesten, habe ich nur selten gesehen, ich kann mich an ihn kaum erinnern. Aber an Valerie, Onkel Emils vergötterten Liebling, besinne ich mich genau. Die Familie legte Wert darauf, daß ihr Name französisch ausgesprochen wurde. Irgendwie paßte das auch zu ihr. Obwohl sie eigentlich nicht als schön zu bezeichnen war, drehten sich die Leute nach ihr um. Ihr Mund war zu groß und ihre Nase zu lang, aber ihre Augen waren wundervoll. Ihre Gestalt war wohlgeformt und grazil, die Beine schlank und lang. Sie kleidete sich stets nach der neuesten Mode, und wenn sie über die Promenade spazierte, machten die Herren große Augen. Sie schnupperten die zarte Parfümwolke und blieben unter anderem auch wegen Valeries blondem Bubikopf stehen ...

Valerie arbeitete als „Zahnarztassistentin" in einer vornehmen Praxis im Kurviertel. Ihr Chef, ein graumelierter Junggeselle, konnte nimmermehr die holden Vorzüge seiner Gehilfin übersehen. Mittels eines kleinen goldenen Reifes band er sie schließlich fest an sich, und fortan promenierte er mit seiner aufregenden Gemahlin am Arm über Karlsbads schönste Anlagen. Nach der Saison reiste man entweder nach Meran oder in die Schweiz. Die Eltern warteten indessen wochenlang da oben in der Röhrengasse auf den Besuch ihres Kindes. Aber sie klagten nie.

Eines Tages braute sich ein fürchterliches Unglück zusammen, Großtante und Großonkel waren vollkommen ahnungslos. Hansi, ihr bildhübscher Junge, verliebte sich in eine reiche, verwöhnte Dame und erkannte nicht, daß sie nur ihr Spiel mit ihm trieb. Während sich ihr aufgeblähter, galliggelber Gatte strengsten Kurmaßnahmen unterziehen mußte, war der goldblonde Bursche für sie der schönste Zeitvertreib. Mit ihrer Abreise ohne Abschied und Erklärung stürzte für den armen Hansi die Welt zusammen. Da wußte er keinen Ausweg mehr und warf sein schönes junges Leben weg. Meine Großtante ging nun nicht mehr runter in die Stadt, seufzend nahm sie ihren Stock und spazierte über den Waldweg zum Friedhof. Ihre Schultern waren schmal und hängend geworden und ihre Schritte schleppend. Und Großonkel Emil? Er besuchte zwar immer noch die Kurkonzerte, aber sein Blick war matter geworden und sein Gang müder.

Wenn wir, meine Großmutter und ich, in dieser Zeit unsere Besuche in der Röhrengasse machten, dann wurde fast nur von Valerie gesprochen. Sie war inzwischen eine große Dame geworden und fand kaum noch das Nesterl am steilen Hang. Je weniger die Eltern sie sahen, desto inniger dachten sie an ihre Tochter. Sie malten von ihr ein Idealbild und umkränzten es mit den schönsten Blumen elterlicher Liebe, und sie baten den lieben Gott, daß er dieses Kind beschützen möge. Doch eines Tages, es war im Frühling, weicher Wind säuselte Fliederduft durch das enge Tal, da knickte die stolze Blüte Valerie auf der Promenade am Arm ihres Gatten zusammen und war tot. Kein Mensch hatte je gewußt, daß sie schwer herzleidend war.

Als ich meine Großtante Anna wiedersah, war sie mir ganz fremd geworden. Ihre Augen waren leer und ausgeweint, sie schaute blind vor sich hin. Ihre Haut war welk und fahl, die Haare weiß und wirr. Das Kleid hing über die mageren Schultern schlotternd bis zu den Füßen. Meine Großmutter war im Angesicht dieses Unglückes so erschüttert, daß sie keine Worte des Trostes finden konnte. Stumm streichelte sie über die mageren Hände ihrer Schwester. Die „Echte Schwarzwaldkuckucksuhr" hing still an der Wand, der „damische Vuagl" öffnete niemals mehr sein Fensterl. Meine Großtante Anna folgte bald danach ihrer Tochter in den Tod. Man bettete sie zu ihren Kindern.

Mein Großonkel Emil bäumte sich noch einmal auf, obwohl auch seine Augen glanzlos geworden waren, aber er war erst achtundfünfzig Jahre alt. Er holte sich eine um vierzehn Jahre jüngere Frau ins Haus und hoffte, mit ihr noch ein Zipfelchen des Lebens zu erhaschen. Das stellte sich aber sehr bald als Irrtum heraus. Er vermißte die mütterliche Wärme seiner Anna so sehr, daß er regelrecht dahinwelkte. Nie wieder bekam er rosige Wangen und Lichter in den Augen. Man fand ihn eines Tages mit gebrochenem Herzen neben Großtantes „echter Karlsbader Kaffeemaschine".

Hermine Walter, geb. Palm

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