Meine Großtante Anna
Sie war die jüngere Schwester meiner Großmutter und wohnte in Karlsbad, ganz oben in der Röhrengasse, nur einen Katzensprung vom Hotel „Imperial" entfernt. Ihr gemütliches Nesterl klebte am steilen Hang, sozusagen im Schatten der „Großen Welt". Die Familie führte dort ein friedliches, beschauliches Dasein. Sie sonnte sich mit großem Wohlgefallen an der internationalen Exklusivität, die während der Saison tagtäglich durch den Hotelpark spazierte oder mit ihren teuren Limousinen die elegante Auffahrt hochfuhr. Großtante und Großonkel waren bescheiden und gottergeben. Sie erkannten ihr zugewiesenes Plätzchen als Zuschauer an, nur ihre drei Kinder begannen angesichts des vorüberfließenden Reichtums zu murren. Jedoch davon wollte ich nicht erzählen.
Zweimal im Jahr machte ich mit meiner Großmutter zusammen einen Besuch in der Röhrengasse, im Frühling, so um die Zeit der Brunnenweihe, und dann im Herbst, zum Ausklang der Saison. Großmutter besuchte uns nach der langen Einsamkeit im Winter, und sie kam, bevor noch die Herbststürme über die Gfeller Höhe fegten. Sobald sie dann zwei oder drei Tage bei uns im Haus war, wurde sie unruhig und sagte, daß sie nun ihre Schwester in der Röhrengasse aufsuchen wolle. Dann zog sie gleich nach dem Mittagessen ihr Dunkelblaues, das mit dem weißen Spitzenkragen, an, streifte schwarze Patentstrümpfe über und knöpfte sich die Spangerlschuhe mit dem Knopfzieher zu. Dann nahm sie in die eine Hand die Lacklederhandtasche von Tante Marie aus Chemnitz, und an die andere Hand nahm sie mich. So gingen wir den weiten Weg über die Egerbrücke nach Neudonitz und dann die lange Hans-Heiling-Straße bis zum Glaspalast in der Stadt, von dort weiter die Hauptstraße bis zur Hauptpost, dann die schöne Gartenzeile entlang bis zum Militärbadehaus und schließlich weiter zur Mühlbrunnkolonnade bis zum Sprudel. Hier gingen wir vorbei an der St. Magdalenakirche und nachher steil bergan bis zu Großtantes Haus. Die Gasse hatte Katzenkopfpflaster, der schmale Gehsteig bestand aus Quadersteinen. Alle Häuser waren freundlich anzusehen. Sie waren weiß und schönbrunngelb gestrichen, die Fenster weiß und die Läden grün, die Fensterbänke hatten Kupferbleche und die Haustüren polierte Messingklinken. Großtantes Haus war ein liebenswertes Unikum. Es stand auf mehreren Ebenen. Das Fenster rechts von der Haustüre erreichte an seiner Außenkante fast das Gehsteigniveau, das Fenster links dagegen war bereits so hoch, daß ich nicht mehr reinsehen konnte. Auf der Rückseite war das Haus zweigeschossig, zur Gasse hin nur ebenerdig.
Wenn meine Großmutter am Klingelzug gezogen hatte, dauerte es immer eine gute Weile, bis die Großtante kam und öffnete. Auf leisen Sohlen schlich sie an die Türe und steckte prüfend ihre Nase heraus. Wenn sie uns dann erkannte, konnte sie sich so sehr freuen, daß ihr die Tränen in reicher Zahl über die welken Wangen rannen. Sie war, im Gegensatz zu meiner Großmutter, recht mollig. Ihre Figur hatte keine wohlgefälligen Übergänge mehr, es floß alles ineinander über. Wenn sie lachte oder auch weinte, dann hüpfte munter ihr Bäuchlein mit, und das mächtige Doppelkinn zitterte wie Aspik. Die grauen Haare hatte sie schlicht zu einem Knoten ins Genick gesteckt.
Die Großtante lief uns voraus über den roten Kokosläufer in die Stube und rief aufgeregt: „Kommt nur weiter, kommt nur, gleich mach ich ein' frischen Kaffee!" Ach ja, der Kaffee, er war Großtantes Lebenselixier. Mit ihm begann der Tag und mit ihm endete er, und damit suchte sie jedermann zu erfreuen. Das ganze Haus roch innen und außen wie am „Meinl-Eck". Der Großonkel hatte einmal in großzügiger Anwandlung den Luxus auf die Spitze getrieben und eine „echte Karlsbader Kaffeemaschine" gekauft. Dieses kostbare Stück aus Kupfer, Messing und Porzellan bekam von meiner Großtante einen gemütlichen Platz in der Stube zugewiesen. Gleich beim grünen Kachelofen war die würdevolle Weihestätte aufgebaut worden. Großtante Anna blieb immer in ihrer Nähe, sie schien sich daran festzuhalten. Zu ihr führte sie all jene Besucher, denen sie hold gewogen war, also auch uns. In Reichweite der Kaffeemaschine stand ein rundes Tischlein und ein Rohrsessel voller bunter Häkelkissen.
Die Großtante begann dort zu hantieren, während wir uns an den großen Tisch setzten. Man sah von hier aus durch das Gitterwerk der Filetvorhänge auf die Ahornkronen und Buchenwipfel vor dem Fenster, auf ein Teilstück der „Oberen Bürgerschule" und zur höhergelegenen Panoramastraße. Zwischen den zwei Filetvorhängen stand strahlend und wunderschön ein Spiegel, so hoch wie die Stube. Von der Decke herunter hing eine Glasperlenlampe. Während aus der Kaffeemaschine schon die edlen „Meinl-Düfte" entwichen, holte die Großtante aus der Glasvitrine das Schlaggenwalder Porzellan und deckte den Tisch. Dann dauerte es nie lange,
věta pokračuje na dalším listu ⟶
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.
