Logik
Bei einem Besuch in Karlsbad hatten wir leider zuvor kein Zimmer bestellt. Alle Hotels waren belegt. Ein Parkplatzwächter gab uns die Adresse eines alten Ehepaares. Durch so einen Wächter, meistens sind es Deutsche, kann man schon ein Zimmer bekommen. Ein altes Ehepaar stellte uns sein Schlafzimmer zur Verfügung. Hier war alles alt, nicht nur das Ehepaar. Zufällig hatten wir Pulverkaffee mit, den wir eigentlich verschenken wollten. Nun konnten wir uns das Frühstück aber selber zubereiten. Die Frau brachte uns Teller und Tassen und versicherte, heißes Waser könnten wir zu jeder Zeit haben. Aber das Geschirr! Uns grauste. Wir zogen also los, um Tassen zu kaufen. Endlich fanden wir ein passendes Geschäft. Die Tür stand offen und wir gingen hinein. Da kam der Verkäufer auf uns zugesprungen und rief: „Licht aus, Laden zu". Verblüfft gingen wir. Tatsächlich, es brannte kein Licht. Aber das muß ja wohl am Tage nicht sein. Als wir nach kurzer Zeit wieder vorbeikamen, brannte Licht. Wir traten abermals ein und da kam der junge Mann strahlend auf uns zu und rief: „Licht an, Laden auf. Na also".
Egerer
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Die Anpassung
Fast 39 Jahre sind vergangen, als man uns aus der Heimat vertrieben hat. Wer würde es vergessen können, wer denkt nicht an das Leid, die Trauer und die Not, die damals über uns herfiel. Zusammengepfercht in die Viehwaggons waren wir froh dem tschechischen Terror entgangen zu sein. Aber wohin bringt man uns? Diese bange Frage saß uns im Nacken. Mit dem Transport, in dem ich mich mit meiner Familie befand, hatten wir einige Irrfahrten zu bestehen. Obwohl wir bei Schirnding über die Grenze nach Bayern befördert wurden, war es nicht sicher, ob uns die Amerikaner auch in diesem Land belassen würden.
Unvergessen bleibt es wohl jedem, der bei einem längeren Aufenthalt in Wiesau den Sanitäter mit einer großen Spritze kommen sah und von ihm plötzlich einen weißen Pulverstaub entgegengeschleudert bekam. Ausgesehen haben wir wie ein mehlbestaubter Müller. Ich weiß es nicht mehr, ob mir damals zum Lachen zu Mute war. Wir Frauen müssen mit den schneeweißen Haaren schon sonderlich ausgeschaut haben. Aber wer achtet da schon besonders auf sein Aussehen.
Dann ging die Fahrt weiter und gegen Morgen waren wir in Würzburg. Wieder standen wir eine längere Zeit auf dem Bahnhof und was nach dem Bombenangriff übrig geblieben war, waren ja nur wenige Geleise. Bald stand Pfingsten bevor. Endlich setzte sich der Zug mit den 40 Viehwaggons wieder in Bewegung, es ging der Zonengrenze zu. Nur gut, daß ganz wenige diese Gegend kannten. Leicht hätte es zu großen Aufregungen kommen können, denn niemand wollte von uns zu den Russen. In Melrichstadt blieb der Transport liegen. Wir wurden aufgefordert die Waggons zu verlassen, und in aufgelockerter Marschformation ging es dann in ein Notlager, das in einer stillgelegten Brauerei eingerichtet worden war. Zweistöckige Betten waren in einem großen, kellerraumartigen Gewölbe aufgestellt. Deprimiert waren wir alle, denn wir mußten annehmen, daß dies für eine längere Zeit unsere Bleibe sein würde. In der ganzen Zeit während des Transportes und in Melrichstadt selbst gab es keine Verpflegung. Wer sich da nicht vorgesehen hatte und für die Kinder nicht etwas Eßbares dabei hatte, der war schlimm dran. Ob wir dann in dem Lager etwas zu Essen bekamen, weiß ich heute nicht mehr.
So verbrachten wir hier die Pfingstfeiertage, unsere Kisten und Säcke haben wir in dem Waggon lassen müssen. Angeblich wurde er bewacht. Das Handgepäck schleiften wir aber mit uns. Aber was für Überraschungen erlebten damals so manche Landsleute, die sich auf die Wachmänner verlassen hatten. Vielen wurden die Koffer und handliches Gepäck gestohlen. Ob es die Bewachung selbst war oder Mittelsleute, das kam nie heraus. Wie sollte das auch in dieser gesetzlosen Zeit möglich gewesen sein.
Nach den Pfingstfeiertagen bestiegen wir wieder den uns schon vertraut gewordenen Viehwagen und die Fahrt ging über Schweinfurt, Gemünden den Main abwärts. Leider war es schon dunkel geworden und wir konnten von der Gegend nicht viel wahrnehmen. Wer von uns dachte damals an die Schönheiten der Natur, wenn einem die Ungewißheit im Nacken saß und man schon tagelang die Enge des Viehwaggons zu verkraften hatte. Man muß sich vorstellen, daß die Fahrt in damaliger Zeit nur ein Dahinkriechen war. So landeten wir endlich in Kahl am Main. Zuvor hatte man aber in Aschaffenburg 30 Waggon abgehängt, die in andere Bezirke geleitet wurden. Unsere 10 Waggons hielten in Kahl. Wieder wurden wir auf zwei Lagerstellen verteilt. Niemand kümmerte sich um uns. Nichts warmes Eßbares gab es. Auch sonst war keine Milch für die Kinder oder ein Stücklein Brot zu bekommen. Man muß sich heute wundern, wie wir das alles überstehen konnten. Kahl hatte seinen Namen nicht umsonst. Es war wirklich ein armseliger Ort. Die geduckten Bergmannshäuser aus Feldstein, und meist unverputzt, dämpften unsere Hoffnung noch tiefer. Die Notunterbringung war mehr als dürftig. Aber wer konnte damals Komfort erwarten.
Endlich kam ein Behördenbeauftragter und verteilte uns auf die Orte des Kahlgrundgebietes. Wir waren die letzten, die ausgeladen wurden. Der Zug fuhr auch nicht mehr weiter, denn in Schöllkrippen war Endstation. Von dort ging es dann mittels Fuhrwerk mit unserer wenigen Habe nochmals viele Kilometer in einen Ort der Geiselbach hieß. Wir waren am Zielort angekommen. Über die Wohnungsgebung ist da nicht viel zu berichten, denn wir waren froh, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben.
Doch wir fanden uns bald in Geiselbach zurecht. Schon nach einer kurzen Zeit wurde mein Mann in den Gemeinderat gewählt. So langsam begriff die Bevölkerung unser Elend. Aber wie Arbeit finden? Frankfurt war eine Möglichkeit. Wie dort hinkommen, das war die Frage. So versuchten wir näher an eine Verkehrsverbindung zu gelangen, um leichter eine Arbeitsstelle zu finden. Da bot sich Kahl an. Da man Anfang der 50er Jahre mit dem Sozialen Wohnungsbau begonnen hatte, und für uns Vertriebene keine Möglichkeit bestand in den zugewiesenen Wohnorten Arbeit zu bekommen, wurden wir umquartiert. Darunter waren auch wir Fechters aus Gfell.
Es war ein sehr harter Kampf hier wieder Fuß zu fassen. Man fing bei Null an. Hier in Kahl hatte sich inzwischen eine starke Egerländer Gemeinschaft gebildet. Sofort schlossen wir uns an. In der Egerländer Gmoi haben wir unser altes ererbtes Volksgut wieder zur Geltung gebracht und uns in dieser Gemeinde hohes Ansehen erworben. Leider sind in den vergangenen Jahrzehnten sehr viele Egerländer Landsleute für immer von dieser Erde gegangen und so schmilzt auch unsere Gmoi zusammen. Aber wir zeigen noch immer, daß wir da sind. Unsere Hutschen-Abende veranstalten wir alle vier Wochen, und es findet sich stets eine kleine Gruppe ein. Vorträge und Heimatlieder verschönern unsere Zusammenkünfte. Familienneuigkeiten werden ausgetauscht und manches in Erfahrung gebracht.
Kein Heimatfest wird in der hiesigen Gemeinde veranstaltet, wo wir nicht gebeten werden in unserer schönen Egerländer Tracht mitzuwirken. Manches alte Stück wurde von daheim doch mitgebracht und wieder hergerichtet. Was nicht vorhanden war, wurde neu beschafft. Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß sich unsere Moum Künhackl aus Schlaggenwald die größte Mühe gab alles Nötige für die im Umkreis verstreut wohnenden Landsleute zu besorgen. Immer wenn unser geschmückter Wagen und die Fußgruppe in einem Festzug erscheint, gibt es großen Applaus. Es sind selten Trachtengruppen dabei, die an Glanz den unseren gleichen.
Auf einigen Bildern ist zu ersehen wie rege wir unser Volkstum und unsere Bräuche noch heute pflegen. Ein Spinnrad gehört allemal zur Egerländerin und Musikanten gab es ja sehr gute im Egerland. Auch wir in Kahl hören gerne Egerländer Musik. 1965 haben wir in Kahl eine Egerländer Fahnenweihe gefeiert, meine Wenigkeit war die Fahnenpatin. Damit haben wir bewiesen, daß wir uns hier nicht mehr als Fremde fühlen und am kulturellen Geschehen in der Gemeinde volleingegliedert sein möchten. So sind wir auch im Kahler Heimatbuch aufgeführt. Auch ist erwähnt, daß Schlaggenwalder schon oftmals in der Gemeinde geweilt haben und der Herausgeber des Heimatbriefes der Schlaggenwalder hier wohnhaft ist. Zeitweise stellten die Egerländer sogar den 2. Bürgermeister von Kahl.
Wie ich schon erwähnte, verlassen uns leider immer mehr Landsleute und Jugend ist nicht mehr für das Vereinsleben zu gewinnen. Unsere Kinder, die hier geboren und aufgewachsen sind, haben keine Verbindung mehr zur Vergangenheit. Wer würde sich unterstehen diese in sie hineinprügeln zu wollen. Auch haben sich die Zeiten geändert.
So wie wir einst genügsam, sparsam und fast karg gelebt haben, das nimmt heute niemand mehr auf sich. Aber wir empfinden die einst daheim erlebte Zeit wunderbar und das ist heute noch unser Reichtum: Der Gedanke an unsere Egerländer Heimat!
Amalie Fechter, geb. Frech
aus Poschitzau.
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