Der Schlaggenwalder „Schulzidackel-Pfiff" von Rudi Marterer
Ein Stück lebendige Heimat in einem akustischen Erkennungszeichen
Als um das Jahr 1910 ein gewisser Herr Schulze aus der Hansestadt Hamburg mit leeren Taschen gegen Schlaggenwald gezogen kam und im Armenhaus Unterschlupf fand, ahnte niemand, daß diesem großen und schlanken Mann in der alten Bergstadt der Ruhm der Unsterblichkeit blühen sollte.
Herr Schulze ging mit dem „Halbkracher" in der Hand von Tür zu Tür betteln, wobei er nur hochdeutsch sprach. Er entpuppte sich gar bald als ein Original, das von der Schlaggenwalder Schuljugend den Spottnamen „Schulzidackel" erhielt.
Tauchte Herr Schulze irgendwo in einer Gasse auf, so hörte man auch schon aus dem Mund einiger Lausbuben den Ruf: Schulzidackel! Schulzidackel! Herr Schulze schimpfte zwar auf die bösen Buben, doch damit konnte er die ungewollte Popularisierung seiner Person nicht verhindern. Im Gegenteil, ein witziger Junge „vertonte" diesen spöttischen Zuruf sogar zu einem Pfiff, der aus vier kurzen, durchgestoßenen Tönen bestand: Schul-zi-dak-kel!
Der Pfiff gefiel den Schlaggenwalder Buben so gut, daß er gar bald in allen Gassen der Stadt zu hören war und auch von den Erwachsenen nachgeahmt wurde. Ursprünglich nur als „Spottpfiff" auf Herrn Schulze gedacht, gewann er im Laufe der Zeit immer größere Bedeutung als örtlicher „Signalpfiff" der Schlaggenwalder. Ging z. B. ein guter Freund weit voraus auf der Straße, so genügte ein zwei- oder dreimaliger Schulzidackelpfiff, um den Seff oder Schorsch zum Stehenbleiben und Umdrehen zu veranlassen. Auch der Bekannte, der im oberen Stockwerk eines Hauses wohnte, zeigte sich sofort am Fenster, wenn er von der Straße her den Schulzidackelpfiff vernahm.
Dieser Pfiff vererbte sich von einer Generation zur anderen, er wurde zu einem akustischen Erkennungszeichen der Schlaggenwalder daheim und in der Fremde. Ob in Asch oder Reichenberg, in Karlsbad oder Prag, überall auf größeren Bahnhöfen oder Festen genügte der Schulzidackelpfiff, wenn man unter vielen Menschen einen Schlaggenwalder finden wollte.
So erzählte ein Schlaggenwalder Turnwart immer wieder davon, daß auf seinen großen Turnerfahrten nach Saaz, Aussig, Wien usw. der Schulzidackelpfiff das beste Such- und Sammelzeichen für die Schlaggenwalder Turner war. Sogar in der ehemaligen bosnischen Hauptstadt Sarajevo fand eine dort wohnende Schlaggenwalderin durch diesen Pfiff drei Landsleute.
Auch nach der Vertreibung aus der Heimat hat der Schulzidackelpfiff den Schlaggenwaldern schon gute Dienste geleistet. Wenn in einem Dorf ein Schlaggenwalder wohnt, so braucht man nicht erst nach der Hausnummer zu suchen, um ihn zu finden. Es genügt der bekannte Pfiff, ein Fenster fliegt auf — und schon zeigt sich ein lachendes Gesicht. Dieser Pfiff bedeutet für die vertriebenen Bewohner Schlaggenwalds ein Stück lebendige Heimat, eine lustige Erinnerung an Herrn Schulze, nachmaligen Schulzidackel, der ungewollt den Schlaggenwaldern zu einem akustischen Erkennungszeichen verhalf, wodurch er selbst als Original der k. u. k. Bergstadt unvergessen blieb.
Wie der Kaiserwald zu seinem Namen kam
O. Z. — Der Name Kaiserwald ist erst im Jahre 1785 belegbar bei dem Dorfe Dreihäuser, 4 km westlich von Schlaggenwald, später für den Wald im Raum um den Berg „Glatze".
In beiden Fällen wollte man durch diesen Namen die Waldungen, die im Besitze des Landesherrn, des Kaisers, waren, von jenen unterscheiden, die anderen privaten Eigentümern gehörten, so z. B. bei Dreihäuser von dem etwas nördlich liegenden Elbogener Stadtwald. J. G. Sommer nennt in seiner Topographie Böhmens (Bd. XV) den uns ungewohnten Namen „Zinngebirge".
Erst nach 1850 wurde also der Name Kaiserwald auf den ganzen Landstrich ausgedehnt, und zwar durch die geographische Literatur. Der Name wurde in Landkarten eingetragen und in den Schulen gelehrt und verbreitet.
Die Tschechen haben jetzt den Namen Kaiserwald (Cisařský les) abgeschafft und ihn Slavkovský les genannt, etwa „Schlaggenwalder Wald". Damit haben sie zwei Dinge erreicht: eine Erinnerung an einstige Kaiser auszutilgen und eine alte topographische Bezeichnung aufzufrischen.
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