Kaffee. Dazu aß er trockenes Brot. Ich hatte zwar in der Tasche noch eine amerikanische Weihnachtstüte, aber die wollte ich dem Kind erst am Hl. Abend geben. Bei unserer Flucht waren wir über Trockau gekommen. Ein mitleidiger Wirt ließ uns im Dienstbotenkämmerchen übernachten. Wir bekamen sogar Suppe und Brot. Dann sagte der Wirt, daß die Amerikaner in seinem Saal eine Weihnachtsbescherung für die Dorfkinder veranstalten würden. Ich solle meinen Buben doch einfach mit hinschicken, das würde überhaupt nicht auffallen. So kam es, daß später mein Sohn mit einer amerikanischen Weihnachtstüte in unser warmes Kämmerchen kam. Ich freute mich mit dem Kind und dachte überhaupt nicht daran, daß erst ein Jahr zuvor mein einziger Bruder an einem amerikanischen Granatsplitter verblutet war. Die Not erstickt eben viele Bedenken.
Nun versteckte ich die Süßigkeiten und eine Tüte Zucker, die ich aus der Heimat mitgebracht hatte, ganz oben im Spind. Nachdem wir noch einmal über den zugigen Hof gegangen waren, krochen wir endlich ins Bett. Es roch muffig und ungewaschen, die Zudecke lag bleischwer auf uns. Da kuschelten wir zusammen und suchten uns zu erwärmen. Dann streichelte ich das Kind und weinte mich selbst in den Schlaf, obwohl mich immer wieder Kälteschauer überfielen.
Am nächsten Morgen — es war noch finster — stürzte Frau A. mit Gepolter zur Türe herein, riß ihren Spindteil auf und kramte so lärmend herum, daß Rudi aus dem Schlaf aufgeschreckt wurde. Und überhaupt — so schmetterte Frau A. los — wenn wir zu Weihnachten etwas essen wollten, dann müßte ich sofort in die Mühle nach G. fahren, um dort Mehl zu ergattern. Wer etwas haben will, muß früh aufstehen. Flüchtlinge hätten bei den Müllersleuten immer noch gute Aussichten, während die Einheimischen leider schon lange nichts mehr bekämen. Als die Sonne langsam über dem Knoblauchsland bei Nürnberg hochging, radelte ich bereits am alten Donau-Main-Kanal entlang, 8 km bis zur Mühle. Das Kind saß vor Kälte zitternd auf seinem gefrorenen Sattel. Ich rang schwer nach Atem und hatte stechende Schmerzen im Rücken. Die Müllerin war zwar nicht erfreut, als wir so bettelnd vor ihr standen, aber dann hatte sie Mitleid und holte uns ins Haus. Sie stellte heiße Milch auf den Tisch und brachte frisches Brot. Rudi schmeckte es wunderbar, er durfte sich sattessen, endlich wieder einmal. Ich aber bekam keinen Bissen herunter. Mir war so elend zumute, daß ich nicht wußte, wie ich den weiten Weg zurückradeln sollte. Die Müllerin sah es mir an, sie sagte, daß ich unbedingt ins Bett müßte. Dann packte sie eine Tüte Mehl, einen Kanten Brot und noch einen Streifen Speck ein.
Als wir bei Frau A. ankamen, ich weiß nicht wie, nahm sie mir bereits an der Haustüre meine Schätze weg und wies mit der Hand in den dunklen Hausgang, wo ein Trog mit dampfender Wäsche aufgestellt war. Es wäre nicht viel, bis Mittag könnte ich mit der Arbeit fertig sein. In der Waschküche sei das Wasser gefroren, weswegen die Wanne im Gang sei. Da holte ich meine gute Decke, wickelte Rudi darin ein und setzte ihn auf den Treppenabsatz in meine Nähe. Nachher beugte ich mich neben der offenen Haustüre über die Dreckwäsche der Familie A. und begann mit letzter Kraft zu rumpeln. Stöhnend richtete ich mich auf, das Stechen wurde immer unerträglicher und kalte Schauer jagten mir über den Rücken. Allmählich gestand ich mir ein, daß ich ernstlich krank war. Was würde hier unter fremden, lieblosen Menschen mit meinem Kind geschehen, wenn ich fort müßte?
Endlich bäumte ich mich auf und beschloß, sofort zum Arzt zu gehen. Augenblicklich ließ ich die Dreckwäsche fallen, nahm mein Kind und wankte zum Arzt, fast einen Kilometer weit. Er war noch sehr jung und erst von der Universität gekommen, um die Praxis seines älteren und nicht entnazifizierten Kollegen zu übernehmen. Gleich erkannte er, daß ich Lungen- und Rippenfellentzündung hatte und gab mir Penicillin, was ganz neu von den Amerikanern gekommen war. Dann verordnete er mir Bettruhe. Wie ich mit meinem Buben bis zu unserem miserablen Quartier kam, weiß ich heute noch nicht. Nachbarn fanden mich auf dem Gehsteig liegend, daneben mein kleiner Rudi. Er weinte, und ich redete wirres Zeug. Jemand wollte ihn mitnehmen, aber da schrie er und klammerte sich mit aller Kraft an mich. Es wurde verhandelt, was nun geschehen sollte. Frau A., die hinzugekommen war, weigerte sich, mich unter ihr Dach zu nehmen. Da beugte sich eine zierliche Frau in mittleren Jahren zu mir herab und sagte: „Kommen Sie zu mir ins Haus!" Es war das Siedlungshäuschen, wo bei meinem Kommen die Gardinen bewegt worden waren. Frau Knauer, so hieß die gute Seele, brachte das Kind und mich in ein sauberes Stübchen und legte mich in ein frisches Bett. Dann fiel ich in tiefe Bewußtlosigkeit. Wochenlang mußte ich um mein Leben kämpfen, ohne Frau Knauer und ohne den jungen Arzt hätte ich es nicht geschafft. Herr Knauer war Arbeiter in einem nahegelegenen Werk. Er war ein wenig polternd, aber sonst ein herzensguter Mensch. Das Ehepaar betreute mein Kind und mich in vorbildlicher Weise.
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