Erinnerung aus meiner Schulzeit und Jugend
Ferien! Was für eine Freude birgt dieses Wort heute noch. Verheißt es doch frei zu sein. Wer denkt da nicht gerne an seine Schulzeit zurück. Damals bedeutete das Wort nicht Urlaubsfreuden, wie es heutzutage ausgelegt wird. Es gab in meinen Kreisen keine Familie, die eine Ferienreise unternehmen konnte. Unsere Angehörigen konnten gar nicht daran denken dem Alltag entrinnen zu können, sich irgendwo in die Sonne zu legen und sich eine braune Haut mit allen nur möglichen Mittelchen der Kosmetik anzueignen. So waren auch wir Kinder nicht anspruchsvoll. Nur froh waren wir, der Schule entronnen zu sein und uns den Ferienfreuden hingeben zu können. An Reisen in ferne Länder wurde damals kein Gedanke verschwendet.
In den Monaten Juli, August bis in den September hatten wir auch für die Familie da zu sein. Da war das Heu des Nachbarn zu rechen, dann am Heuboden zusammenzutreten, alles Tätigkeiten, die von uns verlangt wurden. Beeren- und Schwammerlsuchen waren selbstverständlich. Aber dabei vergaßen wir auch nicht, in unseren Teichen die Badefreuden auszukosten. Bei der Heuernte hat mich das Rauschen der Sense durch das Gras besonders beeindruckt. Obwohl die Mäher schon seit Tagesanbruch auf der Wiese standen, und wir erst viel später zum Zerwerfen des Gemähten hinzukamen, war doch noch ein reichlicher Rest für uns zum Mähen übriggeblieben. Da mußten gar oft die Sensen mit dem Wetzstein bearbeitet werden, denn die Schneide verlangte das Dengeln. So saß dann oft ein Mäher abseits an einem Baum gelehnt und dengelte die Sense. Wer von uns hat nicht den Duft des frischen Grases und Heues in der Jugendzeit eingeatmet. Wie vermissen wir diesen heute. So mancher muß da sehr weit reisen, um wieder einen solchen natürlichen Duft einatmen zu können.
Aber wir Kinder freuten uns trotzdem auf die Ferien. So hatte ich eine Tante, die in Fischern wohnhaft war. Zwei Brüder waren wir und durften in den Ferien je drei Wochen bei ihr verbringen. Es waren wunderschöne Tage, die ich dort erleben konnte. Die Wohnung befand sich unweit des Puschterader Bahnhofes. Da war es selbstverständlich, daß ich die meiste Zeit in dieser Gegend zubrachte. Es gab sehr viel für meine Bubenaugen zu sehen. So stand ich sehr oft auf der Brücke, die als Fußweg vom Bahnhofsplatz nach dem Johanngeorgenstädter Bahnhof führte, und man von dort die gegenüberliegenden Orte wie Zettlitz oder den Laushübel erreichen konnte. Stundenlang stand ich da droben und beobachtete das Einfahren der Züge. Bei jeder Ankunft eines Zuges kam der Pikkolo auf den Bahnsteig und seine Schreie „Pivo, Bier, Horky Park" tönen mir heute noch in den Ohren. Dieser Ruf mußte zweisprachig ertönen auf Anordnung der Obrigkeit. Ob dabei ein Geschäft gemacht wurde, habe ich von meinem Standpunkt nicht wahrnehmen können. Auch hatte mich das nicht interessiert, denn meine Aufmerksamkeit galt der Lokomotive, die unweit unter meinem Stand hielt. Dort befand sich nämlich eine Entaschungsgrube; da sah ich oftmals den Heizer hinuntersteigen, der nach kurzer Frist im Tempo wieder auftauchte, eine Stichflamme hinter sich herziehend. Der Lokführer schritt im gemütlichen Tempo mit seiner Ölkanne zu Kolben und Rad, er goß hie und da etwas Öl hinein zur besseren Schmierung. Immer haben die Züge einen längeren Aufenthalt gehabt, es gab genug Interessantes zu sehen.
Eine ganz besondere Beobachtung machte ich am Bahnhofsplatz mit den Pferdedroschken. Lange vor Ankunft der Züge standen dort schön aufgereiht die Kutschen. Aber auf einmal wurden die mit Decken umhüllten Pferde entblößt. Das war das Zeichen, daß bald ein Zug ankommen würde. Da kam aus der Wartehalle ein damals bärtiger Mann in mittleren Jahren auf die Treppe zu. In der Hand hielt er einen großen Ring, an dem sich die Nummernscheiben befanden. Diese löste er aus dem Ring und rief mit lauter Stimme die Nummer über den Platz. Daraufhin kam eine Kutsche heran, der Kutscher verschwand in der Bahnhofshalle und kehrte sofort wieder mit Gepäckstücken zurück, die rasch verstaut wurden. Unterdessen war auch der Gast schon in die Kutsche gestiegen, und ab ging es im Trab in Richtung Karlsbad. Nacheinander lösten sich die Einspänner vom Standort. Die Fiaker hatten alle Hände voll zu tun, um das oftmals viele Gepäck in ihren Kutschen unterzubringen. Es war schon ein geschäftiges Treiben damals in den 20 Jahren. Da haben noch viele Ausländer und überseeische Kursuchende die alte Badestadt Karlsbad aufgesucht. Die meisten Kurgäste kannten noch das vor dem Ersten Weltkrieg bestehende Karlsbad. Das Wort „Karlovy Vary" war diesen unbekannt und so fragte damals mancher, ob er denn das richtige Karlsbad gewählt habe.
So gab es für mich viel zu bestaunen. Besonders aber blieb mir der Vollbart in Erinnerung, der mit seiner Bärenstimme die Fiaker zu sich rief.
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