Die zehn Siedler hielten fest zusammen und halfen sich gegenseitig, wo sie nur konnten. Es war kein leichter Anfang, zumal es kein Licht gab, und das Wasser aus einem Brunnen weit herangetragen werden mußte. Doch es ging, wenn auch nur langsam, voran. Bereits vor der Währungsreform hatten wir eine Ziege ergattert. Sie bekam bald drei Junge. Im Nachbardorf kauften wir für Geld und gute Worte ein weiteres Zicklein dazu. Einmal zog der Schäfer mit seiner Herde durchs Dorf. Er hatte ein Lämmlein am Arm und fragte mich, ob ich es haben will, er würde es mir schenken. Ich habe es sofort angenommen. Die Männer bauten einen kleinen Stall und so war der Anfang gemacht mit fünf Ziegen und einem Schaf. Jeden Tag zog ich mit meiner Herde Ziegen auf die Weide.
Eines Tages sagte Frau Erler zu mir: „Frau Kempf, wir haben gestern einen Heimatbrief bekommen, Sie dürfen ihn haben und beim Ziegenhüten lesen, da wird Ihnen die Zeit nicht so langweilig." Ich stieg den Berg hinauf dem Walde zu. Den Tieren schmeckte das frische Gras, und ich setzte mich zum Lesen nieder.
Als ich das Heftchen voll Spannung und Erwartung aufschlug, sah mir die Schlaggenwalder Kirche auf einem Bild entgegen. Und nachdem ich das dazugehörige Gedicht von Frau Anna Neidhart gelesen hatte, war es um mich geschehen. Ich fing an zu weinen. Ich habe nicht nur geweint, ich habe geschrien. Aber niemand hat mich gehört oder gesehen. Ich war ja alleine auf weiter Flur und habe all meinen Schmerz und meine Sehnsucht nach der Heimat hinausgeschrien in Gottes freie Natur.
Meine Tiere kamen herbei zu mir, als wollten sie mich trösten. Als ich dann ruhiger wurde, setzte ich mich wieder auf. Mir war etwas leichter ums Herz, und ich fing an zu beten: „Lieber Vater im Himmel, man hat uns die Heimat geraubt, und hier in diesem Trümmerhaufen läßt Du uns wieder neu beginnen. Ich bitte Dich, gib uns den Mut, die Kraft und Gesundheit und vor allem Deinen Segen zu diesem Anfang, damit unsere Nachkommen wieder eine Heimat haben dürfen."
36 Jahre sind seitdem vergangen. Wir sind bald am Ende unseres Lebens angelangt und stehen schon nahe an der Schwelle des Grabes. Wenn ich heute an dieses Erlebnis, an den ersten Heimatbrief zurückdenke, dann glaube ich fest daran, daß der Herrgott meinen Verzweiflungsschrei von damals gehört hat.
Aus den einstigen Trümmern ist wieder ein schönes Dorf entstanden, und unser Neusiedlerhof ist mit viel Leben erfüllt, mit Enkeln und Urenkeln. Wir sind stolz und dankbar zugleich, daß uns das Schicksal gewährt hat, das, was wir in der alten Heimat verloren haben, noch schöner und größer aufzubauen. Wir hoffen und wünschen, daß es nie wieder einen Krieg geben möge, der soviel Unheil über die Menschen bringt. Und ich möchte meine Zeilen beenden in der Hoffnung, daß der „Schlaggenwalder Heimatbrief" noch recht oft zu uns kommt und mit dem Wunsche, daß Frau und Herr Brummeissl noch lange gesund bleiben.
Es wird dies wohl mein letzter Beitrag zum Heimatbrief sein, darum grüße ich alle Leßnitzer und Schlaggenwalder, die mich gekannt haben, recht herzlich.
Eine heimattreue Bäuerin
Anna Kempf, geb. Breitfelder
Lettgenbrunn, im Mai 1984.
Ohnmacht
Jede Wolke, die heimzu zieht,
nimmt einen Seufzer von mir mit
weit über alle Berge.
Träume, die ich heimlich webe,
Wünsche, die ich immer hege,
schreie ich ins Himmelblau.
Worte aber zerfetzt der Wind,
noch ehe sie am Ziele sind,
und bringt sie schnell zum Schweigen.
Kraftlos bin ich, lahm die Hände,
vor mir ragen grausam Wände,
die Hoffnung ist begraben.
Gott weiß, wie ich alle Tage
sehr mein Heimatland beklage,
weil es so in Fesseln liegt.
Wahnsinn läßt es nun verderben,
vielleicht muß es morgen sterben —
Rettung kommt von nirgendwo ...
Hermine Walter, geb. Palm
[obr] Einst daheim die Hauptstraße (
věta pokračuje na dalším listu ⟶
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.
