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beinahe vor verhaltenem Lachen. Mittenhinein in diese Ausgelassenheit durchfuhr mich ein Schreck.
Ich hatte ganz auf meine Großmutter vergessen. Augenblicklich verließ ich die lustige Gesellschaft und eilte die wenigen Schritte zum Häuschen der Großmutter hinüber. Diese lag blaß auf dem Kanapee, ihre Stirn kühlte sie mit einem nassen Tuch. Als ich mich nach ihren Beschwerden erkundigte, meinte sie, daß sie so liegenderweise in der Stille des Hauses und mit dem nassen Lappen auf dem schmerzenden Kopf erträglich seien. Nur etwas Wasser solle ich ihr bringen, denn der Durst brenne ihr zu sehr auf der Zunge.
Mit dem Blechtüpferl schöpfte ich in eben diesem Augenblick Wasser aus der Kanne, als plötzlich schwere Männerschritte die Stiege zum Stübchen hochpolterten. Da wurde auch schon die Türe aufgerissen und mitten im Raum stand groß und breit ein Mann, den ich nicht kannte. Aus seinen Augen feuerte der Zorn Blitze auf meine Großmutter, die sich langsam erhoben hatte und nun klein und schmächtig vor dem Fremden stand. Ich hatte das Tüpferl auf die Ofenbank abgestellt und angstvoll nach Großmutters Hand gefaßt. Da donnerte der Rasende auch schon los: „Enkara Lausboum, döi vaflouchtn, wenne döi dawisch, daschloche se. Solln se doch in da Stod bleim, döi Sauboum! Nix, ols blöids Zeich häm se in ihrn Schedl drinna. Latta Stuina häm se in mein Teich einagrollat, grouß wöi a Uima!" Und so schrie der Mann in einem fort. Meine Großmutter versuchte mit ihrer hellen Stimme zu Wort zu kommen, aber sie wurde von dem Zorngeschrei überbrüllt. Ich fühlte, wie ihre kühle Hand, die in der meinen lag, zitterte, und da wußte ich, daß Großmutter nur noch auf schwachen Beinen stand. Und wirklich, als der Fremde dann schrie: „Dös soche enk, wenns dirz döi Stuina neat wieda assn Teich rammts, zeiche enk ua!" Das war für die alte Frau denn doch zuviel, mit der Polizei hatte sie noch nie etwas zu tun gehabt. Diese Drohung riß ihr den Boden unter den Füßen weg, nein, sie fiel an meiner Hand zusammen wie ein leerer Kartoffelsack und war für niemand mehr zu sprechen.
Als der Mann so plötzlich das Häuflein Mensch zu seinen Füßen liegen sah, verstummte er sofort, machte eine Kehrtwendung und hastete stolpernd aus dem Häuschen. Ich aber kniete zu meiner Großmutter nieder, legte sie auf den Rücken und horchte an ihrem Herzen, ob es noch pochte. Da ich nichts vernehmen konnte — wahrscheinlich vor Aufregung — riß ich ihre Bluse und das Leibchen auf und goß das kalte Wasser aus dem abgestellten Tüpferl über ihre Brust. Dann massierte ich immerzu kreisrund die Herzgegend und wimmerte dabei: „Großmutterl, neat sterm, neat sterm!" Ich ruhte nicht eher und rieb und rieb, bis meine Großmutter endlich ihre Augen aufmachte. Ich mußte ihr dann noch helfen, als sie trockene Kleidung anzog. Dabei erzählte sie mir, wer der Mann war, ich habe aber seinen Namen vergessen. Ich weiß auch nicht, ob er aus Gfell war.
Die Buben sind erst zum Abendläuten heimgekommen. Früher wagten sie nicht, vor Großmutters Strafgericht zu treten. Stumm saßen wir alle vor der Abendsuppe. Auch Großmutter sagte nichts. Als die Buben hinterher in die Schlafkammer schlichen, hauchten sie nur „Gute Nacht!". Von fernher hörte man Donnergrollen, und um die Hausecke jagte der erste Windstoß.
Da schlichen auch wir Mädchen ins Bett und krochen trotz der drückenden Schwüle, verängstigt unter die dicke Zudecke. Immer näher tobte das Gewitter, und schon riß der Sturm an den Fenstern und an den Türen, und es knarrte im Dachgebälk. Der Regen peitschte an unsere kleine Welt und zeigte uns so richtig, wie schwach wir Menschen sind. Wir konnten unmöglich einschlafen. Plötzlich quietschte die Kammertüre. Ein zuckender Blitz zeigte uns unsere Großmutter mitten im Raum. Sie ging zu jedem von uns, schaute, ob wir bis zum „Magerl" zugedeckt wären und machte über uns das Kreuzzeichen. Langsam zog sie nachher die Türe hinter sich ins Schloß, und allmählich ging das Donnerwetter in einen gleichmäßigen, ruhigen Regen über. Da fühlten wir uns in der Liebe und dem Verzeihen unserer Großmutter unendlich geborgen und schliefen ein.
Von dem Mann haben wir nichts mehr gehört. Meine Großmutter hat auch nicht die Steine aus dem Teich geholt. Wie hätte sie das tun sollen? Ich vermag Ihnen nicht zu sagen, liebe Landsleute, welchen Teich die Buben damals heimgesucht haben. Es kann auch sein, daß er zu Poschitzau oder Leßnitz gehörte. Die beiden Dorfteiche in Gfell waren es jedenfalls nicht. Vielleicht gefällt es Ihnen, ein wenig darüber nachzudenken und dabei im Geiste über die Fluren unserer geliebten Heimat zu streifen.
Hermine Walter, geb. Palm
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