Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 175
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Großmutter erholte sich scheinbar gut, weshalb ich ständig zwischen Hoffen und Bangen schwankte. Als am Karsamstag die Glockenseelen aus Rom zurückkehrten, stand sie sogar auf. Am Ostersonntag fühlte sie sich so gekräftigt, daß wir sogar einen Spaziergang bis hinter Schönhansels Paint unternahmen. Wir schauten hinüber zu den blauen Kegeln des Duppauer Gebirges. Über die Hänge und Mulden hallten weithin die Böllerschüsse, die an den Feldrainen abgefeuert wurden. Von Schlaggenwald her zitterte über die Höhe das Glockengeläut. Ich war glücklich und wollte den matten Schleier über Großmutters Augen nicht sehen.

Als ich aber am Ostermontag für eine Viertelstunde die Dicklmutter besuchte, kam erneut die lähmende Riesenangst auf mich zu. Unter Händeringen und stockend gestand mir die Dicklmutter, daß meine Tante Marie in Chemnitz über Großmutters Erkrankung unterrichtet worden sei und deshalb sehr bald kommen würde, um die Pflege zu übernehmen. Dann würde endlich für die Kranke alles getan werden, und bald würde diese wieder ganz gesund sein. Ich könne ja ohnehin nicht hierbleiben, weil ich wieder in die Schule müsse. Allzugern ließ ich mich nachher von den tröstenden Worten der Dickelmutter einlullen, und als ich später vor Großmutters Bett trat, waren meine Tränen längst versiegt. Die Kranke schien weiter gut erholt, denn sie lächelte mir unbefangen entgegen. Ich konnte darum an die Möglichkeit, daß sie ernstlich erkrankt sein könnte, noch immer nicht glauben. Wir verbrachten zusammen noch einen wunderschönen Abend. In die Dämmerung hinein erzählte mir die Großmutter aus ihrer Kindheit in Theusing.

Am nächsten Tag mußte ich heimfahren. Großmutter ließ es sich nicht nehmen, mich ein Stück des Weges zu begleiten. Ich wollte zum Töppeleser Kreuz und von dort ins Tal. Als wir beim „Schönhansl" vorbei auf die Kuppe zuschritten, trillerten die Lerchen in den blauen Frühlingshimmel, aus den frischen Äckern dampfte der erdige Dunst, am Wegrain reckten sich die gelben Huflattichköpfchen, es grünten frisch die „Katzaschwanzla", und jenseits der Bodensenke funkelten die Hausdächer von Leßnitz in der goldgleißenden Vormittagssonne. Alles war fast wie in der Kinderzeit — aber nur fast. Manchmal schien es mir, als ob über Großmutters Gesicht Schmerzen zucken würden, aber schon lächelte sie wieder, und ich glaubte an eine Täuschung.

So kamen wir zum Kreuz. Großmutter hatte uns Kindern einst viele Geschichten, die sich um diese Stätte rankten, erzählt. Aber nun sagte sie, daß wir uns hier trennen müßten, denn sie sei müde. Behutsam machte sie mir beim Abschied das Kreuzzeichen, dabei erschrak ich zutiefst über ihr bleiches Gesicht. Langsam wendete sie sich ab und ließ mich allein. Ich sah, wie sie schmal und einsam mit schleppenden Schritten wieder der Kuppe zuging. Oben blieb sie stehen, wendete sie sich um und winkte mir zum letzten Mal, ehe sie hinter der Höhe verschwand. Ich fühlte nun, nein, ich wußte es, daß meine Großmutter zu kämpfen aufhörte und damit begonnen hat, Abschied zu nehmen. Ich habe sie erst wiedergesehen, als sie schon sterbend in ihrem Bett lag.

Meine Tante Marie war damals noch an meinem Abreisetag gekommen, um ihre todkranke Mutter zu pflegen, was sie in aufopferungsvoller Weise getan hat. Die Dicklmutter, von der man kaum erwarten konnte, daß sie das Dorf, außer dem Kirchgang, verlassen würde, holte mich an einem heißen Julitag nach Gfell. Dort herrschte große Betriebsamkeit, denn man war mitten in der Heuernte . Es war außerdem Eile geboten, weil sich über der Donawitzer Höhe riesige Gewitterwolken aufzutürmen begannen. Ernte ohne meine Großmutter! Ich sah sie noch immer in ihrem blauen Kattunkleid und mit dem weißen, kleingeblümten Kopftuch beim Heumachen auf Dickls Wiese an der Tepl. Von Zeit zu Zeit kühlte sie ihr erhitztes Gesicht am Wasser. Nun aber lag sie bleich und durchsichtig vor mir, und wir sollten bald voneinander scheiden.

Noch in derselben Nacht, während sich die Wolkenberge von der Donawitzer Höhe über dem Tepltal entluden, haben meine Tante Marie, die Dicklmutter und ich unsere Großmutter bis an die Himmelspforte begleitet.

Hermine Walter, geb. Palm

[obr] Schlaggenwalds Häuser hatten die schönsten Haustüren vorzuweisen. Nun ist das Rathaus (ein schöner Barockbau) verschwunden. Ein Brand hat es vernichtet.

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