Der Fasching in Rabensgrün
Es war ein buntes Treiben und wunderschön war es beim Fasching in Rabensgrün. Alles war damals auf den Beinen. Es wurde genäht, alles Mögliche hergesucht zum größten Teil auch ganz neu angeschafft. Neue Kleider, Schuhe, Blusen und Röcke für die Mädchen. Man konnte ein geschäftliches Tun im ganzen Dorfe wahrnehmen. Es wollte ja jeder dabei sein an dem Faschingssonntag, -montag und -dienstag.
Dann war er endlich da dieser erwartete Faschingssonntag. Am Abend war der Feuerwehrball. Nicht nur die ältere Generation vergnügte sich im Tanzsaal, nein, auch wir damals noch sehr jungen Leute fanden am Tanzen unsere Lust. Ich wurde von meinem Bruder Emil behütet, aber deshalb war meine Freude nicht gemindert.
Am schönsten war es wohl am Faschingsdienstag. Am Montag zuvor wurde der Tanzsaal gründlich gereinigt, mit der Wurzelbürste wurde der Fußboden bearbeitet. Die Tische und Sitzgelegenheiten gründlich gesäubert, die Gläser und das andere Geschirr mußten blinken. Die Veranstaltungen wurden abwechselnd in den Gastwirtschaften beim „Drollen" oder beim „Spießfleischer" abgehalten.
Nun kam der ersehnte Faschingsdienstag. Gegen 14 Uhr wurde der Faschingszug zusammengestellt. Im Oberen Dorf fand man sich ein. Wir Mädchen hatten alle kleine Blumensträußchen vorbereitet, denn es folgte darauf die sogenannte „Press". Woher dieses Wort und der Brauch stammt, ich weiß leider nicht. Jedes Mädchen hatte sich das Jahr über einen bestimmten Burschen ausgewählt, dem sie an diesem Tag ihre Zuneigung zeigen wollte.
Also zogen die begeisterten Faschingsanhänger vom Oberdorf zu den für diesen Tag ausgesuchten Wirt. Wir hatten in Rabensgrün auch einige Musikanten, aber auch aus Schlaggenwald haben wir Musiker dabei gehabt. Da erinnere ich mich ganz besonders an Herrn Gustav Kern. Er war nicht nur ein guter Bläser der Trompete, sondern auch ein fester Biertrinker. Nun heftete jedes Mädchen den ihm genehmen Partner das Sträußchen an den Rock. Nicht nur daß man die Sympathie zeigte, man mußte auch die gesamte Zeche begleichen. Aber wer hätte das nicht gerne getan, wenn man sich dadurch den gewünschten Partner fürs Leben erringen konnte. Es blieb nicht nur bei der Bezahlung der Zeche, sondern auch Zigaretten waren fällig und dabei nur die besten. Da durfte man sich nicht mit einer 100 Stück fassenden Zora-Schachtel blamieren. Nur Memphis oder Ägyptische Zigaretten waren an diesem Tag gefragt. Es gab ein herrliches Treiben und so manche ernste Bindung ist daraus geworden. Das Treiben im Saal war unbeschreiblich lustig. Tanzen, Singen und die Musik dazu gaben einen beschwingten Verlauf.
Um Mitternacht verschwanden wir Mädchen und liefen schnell heim. Dort kleideten wir uns um. Das Faschingszeug wurde abgelegt, doch mit Rock und Bluse kehrten wir wieder zu unseren Partnern zurück. Bis zum frühen Morgen hielten wir dort aus. Dann wurde eine Strohpuppe gebracht. Diese setzten die Burschen auf eine Bahre. Dann zogen wir zum Dorfweiher. Nach einer Ansprache wurde dort die Puppe, die den Fasching darstellte, verbrannt. So langsam kam die Nüchternheit ins Gemüt zurück. Wer verspürte da nicht die Wehmut, die daraufhin die Gemüter erfaßt hat. Einige, denen es arg weh tat vom lustigen Treiben Abschied zu nehmen, kehrten in die Gasthäuser wieder zurück. Wir Mädchen mußten der Sittsamkeit Rechnung tragen und uns heimbegeben, denn auf uns wartete schon die täglich zu leistende Arbeit im Haus und Stall. Der Alltag hatte uns wieder eingefangen.
Aber wir freuten uns bereits auf das nächste Jahr, um wieder eine zünftige „Press" gestalten zu können. Denn das war doch der schönste Brauch in unserem Dorfe gewesen. Ich hoffe, daß mir meine Rabensgrüner Landsleute zustimmen.
Julie Richter
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