Zur Winterfrische in Gfell
Mein Gott, ist das schon lange her! Ich war damals noch ein kleines Mädchen. Ich ging noch nicht in die Schule. Auch mein älterer Bruder Heinrich war daheim, denn man hatte ihn wegen Krankheit zurückgestellt. Kaum hatte er das „I" aus der Fibel gelernt gehabt, bekam er mit mir zugleich Keuchhusten. Wir husteten und bellten Tag und Nacht, bekamen richtige Erstickungsanfälle, daß wir blaurot anliefen und sich der Magen umstülpte. Unsere gute Mama grämte sich sehr, sie konsultierte mit uns wiederholt den Hausarzt, der für uns Sirup, Säfte, Tee und Stärkungsmittel verschrieb. Aber der Husten war zäh und wollte lange nicht weichen. Endlich, nach etlichen Wochen, Mama und wir waren bereits ziemlich abgemagert, kamen die Anfälle immer seltener und auch milder. Aber der Appetit wollte sich nicht einstellen. Mama setzte uns die besten Happchen vor, sie kaufte Eisenpräparate, jedoch wir wendeten uns angewidert ab. Da meinte unser Hausarzt, der gute Dr. Siegl, daß nur noch Luftveränderung helfen könne. Die neblige Novemberluft im rauchigen Meierhöfen verhinderte eine vollkommene Genesung.
Augenblicklich schrieb Mama an unsere Großmutter in Gfell, und es dauert nicht lange, war unser Reisetermin festgelegt. Während Mama tränenfeuchte Augen hatte, packte sie unseren Koffer. Dann brachte sie uns in einer Mietdroschke, was damals noch etwas ganz Besonderes war, nach Gfell. Dort empfing uns die Großmutter mit weitoffenen Armen und mit besorgter Zärtlichkeit. Der Abschied von Mama war kurz, denn das Taxi wartete auf sie. Als sie den Koffer in Großmutters Stübchen abgestellt hatte, legte sie nur noch schnell die lange Liste mit den Anordnungen für unsere weitere Pflege auf den Tisch und stellte die diversen Medizinfläschchen, Döschen und Tees daneben. Dann drückte sie uns tapfer lächelnd an ihr besorgtes Mutterherz, und schon hastete sie die Stiege hinunter. Wir winkten ihr nach, aber bald war das Auto unseren Blicken entschwunden.
Nun begann eine wunderbare Zeit. Hier oben auf der Gfeller Höhe war bereits der Schnee gefallen, es roch so rein und gut danach. Wir fühlten, wie die glasklare Luft unseren Bronchien wohltat. Wenn wir zunächst nur für halbe Stunden rausdurften, bauten wir einen Schneemann und bewarfen ihn nachher mit Schneebällen, bis ihm der alte Blechnachttopf scheppernd vom lädierten Haupt fiel. Großmutter kochte und brutzelte indessen, was wir uns wünschten, denn allmählich spürten wir wieder ein Hungergefühl. Da durften wir auch schon mit den Kindern des Dorfes schlittenfahren. Nur selten noch überfiel uns ein Hustenkrampf. Wenn wir bei einbrechender Dämmerung die steile Stiege hochstapften, dann wartete die alte Frau bereits mit dem heißen Malzkaffee auf uns. Wir sahen ihr zu, wie sie die Brote mit Butter bestrich und dann dick mit Zucker bestreute. Wie das schmeckte! Nachher setzten wir uns zum gußeisernen Herd, an dessen Länge die Bank gerückt war und aus dessen Ritzen der Lichtschein des Holzfeuers flackerte. Mit der Wärme aus der Ofenröhre zog der Duft von trocknenden Birnen. Großmutter nahm den Strickstrumpf, und während ihre Nadeln emsig klapperten, erzählte sie uns Geschichten, Märchen, Sagen, Erinnerungen aus ihrer Kindheit in Theusing, als französische Soldaten dort waren, und sie erzählte uns vom Großvater und von ihrem geliebten Wald. Unsere Großmutter war nämlich ein Waldweibl. Sie holte sich aus ihm ihr Holz und ihr Reisig, die Beeren und die Pilze. Sie kannte im Poschitzauer, Gfeller und Ziegelhüttener Forst jeden Weg und jeden Steig. Sie kannte jedes Tier und jeden ihrer Laute, sie kannte jede Pflanze und wofür sie gut sein mochte, und sie kannte jede Spur und jedes Zeichen.
Unsere Großmutter konnte schön erzählen, und wir hörten ihr gerne zu. In der Dämmerung der gemütlichen Stube lenkte uns nichts ab, wir vermochten uns das Erzählte gut vorzustellen. Erst wenn es Zeit zum Nachtmahl war, zündete Großmutter die Petroleumlampe an, denn sie konnte im Finstern stricken, zwei rechts, zwei links, das hatte sie über viele Jahre hinweg fleißig geübt gehabt. In der Ofenröhre lagen bereits seit Stunden neben den Birnen Wärmesteine für die kalten Betten in der eisigen Schlafkammer. Großmutter selbst kuschelte sich an die moderne Kupferwärmflasche, die sie einmal von meiner Tante Marie aus Chemnitz bekommen hatte. Die Tür zur Schlafkammer ließ sie für eine gute Weile offenstehen damit es dort „überschlagen" sein sollte. Derweil huschten wir in das Großmutterbett und schmiegten uns so eng an die alte Frau, daß wir ihren Herzschlag vernehmen konnten. Über uns in der Stubenecke war der Hausaltar mit dem Ewigen Licht. Wohlig fühlten wir bald die Müdigkeit in unseren Gliedern. Da brachte uns die Großmutter in unsere Betten, und noch ehe sie uns sorgsam zugedeckt und das Kreuzzeichen gemacht hatte, waren wir bereits eingeschlafen. Morgens weckte uns meistens das Sechsuhrläuten. Aus Dickls Stall
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