Mit der Aussiedlung oder eher Austreibung der tschechoslowakischen Deutschen hat dieses Volk Brutalität gelernt, es hat gelernt zu stehlen, jeden humanen Wert zu mißachten. Die Generation, die das verbrochen hat, hat alle weiteren in ein unlösliches Dilemma gebracht. Aber jene Aktivisten unter den deutschen Nazis, die aus den Reihen der tschechoslowakischen Deutschen stammten und die Republik zerschlugen, wurden nicht entsprechend bestraft. Sie waren eigentlich im Sinne der Kollektivschuld der tschechoslowakischen Deutschen die Geretteten.
Die totalitäre Diktatur hat die gesamte deutsche Bevölkerung der Tschechoslowakei ihrer Macht unterworfen, von den Bienenzüchtern, den Feuerwehrleuten, bis zu den politischen Parteien. Andere zivilisierte und kultivierte Nationen, die nicht minder unter den nazistischen Verbrechen gelitten hatten, die Holländer, die Belgier, Dänen, Norweger und andere haben sich rasch und konsequent mit dem Gestapismus auseinandergesetzt, indem sie ihn aus ihren Körpern verbrannten.
In meinem Volke siedelt der Gestapismus bis heute, und er ist leider weder schwächer geworden noch abgestorben, sondern erstarkt. Die Söhne und Töchter dieses Landes entfliehen ihm, hinaus, in die Fremde, sie fliehen wie aus einer Pestgrube.
Gewalt gebiert nur wieder Gewalt und Not. Wie Johannes Paul II. es gesagt hat, die Wurzeln des Krieges sind in der Vergewaltigung der menschlichen Persönlichkeit zu suchen, in ihrer Demütigung; und er hat absolut recht damit. Das habe ich mir schon früher gedacht, dazu bin ich in Bitternis gekommen. Nur jene Kräfte, die die Völker in ihrer eigenen Heimat vergewaltigen, die täglich unzählige Gewalt an unseren Menschenbrüdern verüben, verursachen die Kriege. Wie kann man eine seriöse Lösung der internationalen Probleme erwarten, wenn man daheim tagtäglich dem Unrecht begegnet? Diese Schizophrenie führt zu Spannungen, sie führt zum Krieg.
Für Gerechtigkeit und historische Wahrheit
Ich erhebe meine Stimme nicht, um die Verbrechen zu rechtfertigen, die den Namen der großen deutschen Nation in den Schmutz gezogen haben. Ich erhebe meine Stimme, um es die zivilisierten Menschen, die das Gesetz achten, wisen zu lassen, daß es in der Tschechoslowakei Menschen gibt, die mit der Gewalt, die an drei Millionen tschechoslowakischer Deutschen verübt wurde und die diesem Volk nur Unglück gebracht hat, nichts zu tun haben wollen: aus zivilisierten und sorgsam bestellten Gebieten wurde eine devastierte Landschaft, das Volk hat sich „auf ewige Zeiten" der östlichen Großmacht verpflichtet, denn es wird kaum je in der Lage sein, die deutsche Rechnung zu begleichen.
Ich erhebe meine Stimme für Liebe und Frieden, für Gerechtigkeit und historische Wahrheit. Die Schmach, die durch das Verbrechen der Austreibung seiner Brüder über mein Volk gekommen ist, läßt sich nicht für immer umgehen und verschweigen. Ein altes, zivilisiertes Kulturvolk muß die Kraft in sich finden, das Beginnen seiner Politiker umzuwerten und seine Lehren daraus ziehen. Und selbst wenn Hegel recht damit hatte, daß die Herrscher sich niemals aus der Geschichte belehren lassen, so können doch die Völker daraus ihre Lehren ziehen. So hat das Volk eines Hus, eines Thomas Masaryk, eines Stefanik nicht gehandelt, dies war das Handeln in der Zeit der Rache und Gewalt und daraus kann nur Unheil hervorgehen.
Das war es, was ich sagen wollte.
Doz. Dr. JÁN MLYNÁRIK, Historiker
Aus der Ansprache des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Dr. Bernhard Vogel zum Ausklang der Sudetendeutschen Woche vom 28. 6. bis 3. 7. 1983 in Speyer.
„Sie haben die Heimat verloren, Sie haben erfahren, was es heißt, entwurzelt zu sein — und sind trotzdem nicht radikal geworden. Von all ihren Leistungen ist das die größte."
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