Ich bin Danubius
Im Dezember 1978 wurde in der in Paris erscheinenden tschechischen Exilzeitschrift „Svedectvi" ein Aufsatz unter dem Titel „Thesen zur Aussiedlung der tschechoslowakischen Deutschen" abgedruckt. Darin wurde die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945/46 als Verbrechen verurteilt. Der Artikel löste eine heftige Diskussion um das Vertreibungsproblem sowohl im tschechischen Exil als auch in der Tschechoslowakei selbst aus. Auch im sudetendeutschen Lager knüpfte sich daran die allerdings verfrühte Hoffnung, daß es zu einer befruchtenden Wende in den sudetendeutsch-tschechischen Beziehungen kommen könnte.
Der Artikel erschien unter dem Pseudonym „Danubius". Sein Verfasser ist der slowakische Historiker Dr. Ján MLYNÁRIK, ein Mitunterzeichner der „Charta 77". Dr. Mlynarik war bis 1970 Professor für neuzeitliche Geschichte an der Prager Kunstakademie. Wegen seiner Proteste gegen die sowjetrussische Besetzung der Tschechoslowakei wurde er zum Hilfsarbeiter degradiert. Die eingangs erwähnten „Thesen" schrieb er während er als Heizer in einem Prager Kaffeehaus beschäftigt war. Die Rache der Kommunisten blieb nicht aus. Er wurde ins Gefängnis geworfen und erst im Mai 1982 nach Interventionen des Bonner Außenamtes, des damaligen österreichischen Bundeskanzlers Dr. Bruno KREISKY, und internationaler Organisationen aus der Haft entlassen. Im Dezember 1982 konnte Dr. Mlynarik in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen, wo er sich in Waldkraiburg als freier Publizist niedergelassen hat.
Im Oktober 1979 schilderte Dr. Mlynárik in einem Artikel die Gründe, die ihn zur Abfassung der „Thesen" bewegte. Wir veröffentlichen nachstehend den Text seines Aufsatzes „Ich bin Danubius":
Als ich als Kind fast umsonst ein Fahrrad bekam und mir gesagt wurde, es sei aus „den Sudeten", als danach ein entfernter Verwandter mit einem deutschen Auto aus Asch anreiste und meine Eltern dazu zu überreden versuchte, mit ihm zu kommen, denn dort könnte sie zu Besitz und einem Haus gelangen, das sie niemals zuvor besessen hatten, als ich einige Jahre später als Offiziersanwärter der tschechoslowakischen Armee die Dörfer und Städtchen, zu denen tadellose Asphaltstraßen führten, vernichtet und in Trümmern liegen sah, als ich das von einer Granate halbzerrissene Christusbild über dem Altar eines Kirchleins im Böhmerwald sah, das die tschechoslowakische Artillerie bei ihren Übungen als Zielscheibe benutzt hatte, als ich immer wieder beobachten konnte, daß fest gemauerte Gebäude, Ställe, dem Angriff der Panzer standgehalten hatten (sie waren nicht imstande, sie zu „knacken"), als ich mir irgendwann im Jahre dreiundsechzig in Friedrichswalde im Isergebirge (dem heutigen Bedřichov) einen Stall kaufte, der dermaßen ausgeraubt und zerstört war, daß ich mir mit der Spitzhacke Zugang schaffen mußte, und als mein erster Weg auf den unweiten Friedhof führte, wo ich weder einen tschechischen noch einen slowakischen Namen vorfand, als ich die Folge der Generationen sah, die diesen Ort so wunderschön aufgebaut, aus Bergen und Gestein, aus unzugänglichen Höhen die Zivilisation geschaffen hatten, Wege, Straßen und Häuser bauten, als mir der alte deutsche Holzfäller erzählte, wie er seinen kleinen Sohn im Kinderwagen gefahren habe und ein Mitglied der sogenannten Revolutionsgarden den Kinderwagen umgeworfen und das Milchfläschchen des Jungen zerbrochen habe, denn der Mann habe nach Waffen gesucht, als ich eine Frau davon erzählen hörte, wie sie mit drei kleinen Kindern an die Grenze gejagt wurde, wie man ihr dort die beiden letzten Würste abgenommen hatte, die sie als Notreserve für die Kinder mitgenommen hatte, als mir der alte Arzt vom Massaker in Aussig an der Elbe berichtete, wo die Kinderwagen auf dem Fluß schwammen und die Armee des General Svoboda Greise und Kinder lustig mordete, deren einziges Vergehen es war, Deutsche zu sein, als ich dem Architekten zuhörte, der mir berichtete, daß auf dem Gablonzer Friedhof Kammergräber existieren, in denen 1000 Deutsche (Zivilisten) liegen, die in den Nachkriegskonzentrationslagern umgekommen waren, als mir ein Patient in der Klinik erzählte, wie man Menschen ohne Unterschied des Geschlechtes und Alters aus dem Komotauer Bahnhof herausschaffte und sie sofort hinter dem Bahnhofsgebäude niederschoß und so lange liegen ließ, bis die Körper zu faulen begannen und der Gestank so groß war, daß man die Stelle wieder zuschüttete und niederwalzte und daß es mehrere Jahre dauerte, bevor
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