Gedanken im November
Bunt sind schon die Wälder,
kahl die Stoppelfelder,
grauer Nebel rinnt
— und der Herbst beginnt.
Der schönste Herbst geht auch in unserer schnellebigen Zeit rasch vorbei. Nun liegt auch Allerheiligen hinter uns.
Eine alte Wetterregel lautet: Allerhaaling kinnt da Schnöi gahling. Martini sagt da Schnöi, da bin ii! —
Es hat oft tatsächlich schlimme Allerheiligen gegeben. Ich weiß und kann mich erinnern, daß es in der Nacht so viel geschneit hat, daß man kaum an die Gräber heran konnte. Es gab zu unserer Zeit keinen so aufwendigen Grabschmuck wie jetzt. Die Kränze wurden selbst gebunden aus Fichtenzweigen, Moos und Preißelbeersträuchern. Meine Mutter fertigte aus Kreppapier weiße und rote Rosen, die erst am Friedhof in den Kranz gesteckt wurden.
Am Friedhofseingang vor der Grotte standen die Kerzlweiber mit ihren Buckelkörben und verkauften Wachsstöckln und Kerzen.
Auf den Gräbern der nächsten Anverwandten wurde eine Kerze geopfert, angezündet und ein „Vater unser" gebetet. Arg mitgenommen durch die „Greinerei", verfroren bis ins Herz hinein, freuten wir uns auf das Heimgehen und auf die warme Stube daheim.
Zum Abendessen gab es nach altem Volksbrauch warme Milch und Semmeln. — Recht still war die Mutter. Sie hatte an den Gräbern ihrer Eltern viel geweint. So ließen wir Kinder sie in Ruhe. Dafür hat unsere Schmeller-Großmutter die schaurigsten Geschichten erzählt, die sich in Schlaggenwald zugetragen haben. Eiskalt lief es uns über den Buckl hinunter ... schon allein, daß die Leich daheim aufgebahrt wurde bis zum Begräbnistag. Dann kam der Leichenkontukt und der Kirchenchor. Da wurde die Leich erst einmal „weggesungen". Heute noch weiß ich und kann das Lied singen: „Was nützt alle Pracht auf Erden — was nützt Kron und Herrscherstab — o Mensch bedenk Dein Sterben — wenn Du hinab sinkst in das Grab ... Hernach begann der Leichenzug. Voraus das Kreuz, dann die Musik, je nach arm oder reich der Herr Pfarrer oder Kaplan mit schwarzem Vespermantel, oder es gab nur eine „Hemlleich". Bei der Hemlleich waren nur drei Musikanten, bei der „großßn Leich" ein Trauermarsch.
Es gab aber auch manche Mißverständnisse, über die man heute noch lacht, so nach dem Motto „A Hetz mou sa — u wenn's ba da Leich iss!" Da wurde von einem Verein ein Kranz bestellt, die Bänder sollten folgenden Textaufdruck haben: „Ruhe sanft" (aber auf beiden Seiten — —). Als der Kranz am Grab niedergelegt wurde, stand darauf: „Ruhe sanft auf beiden Seiten".
Oder noch schöner: Bei einem Kriegskameraden wurde vom Veteranen-Hauptmann ein Kranz niedergelegt: „Auf Wiedersehen! Im Himmel! Wenn noch Platz ist. Der letzte Satz war nur vorgesehen, falls auf den Bändern noch Platz wäre für die Schrift.
Kaum aber war das „Bedauern" der Leichleit, das Händegeben und die Erde in das Grab werfen zu Ende — da spielte die Schützenmusik einen flotten Marsch die Kirchstaffel herunter bis zum Marktplatz.
Als Kinder zogen wir selbstverständlich recht lustig mit.
So nahe war auch in alten Zeiten Leben und Sterben zusammen ...
Anna Neidhart
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