Otto Zerlik besonders gewürdigt
Anläßlich der Heimattage des Landes Baden-Württemberg, welche nun zum 6. Mal und diesmal in Pforzheim stattfanden, wurde unser Volkskundler und Mundartlyriker Otto Zerlik aus Uittwa, nach der Vertreibung nach einigen Zwischenstationen in Geislingen seßhaft geworden, mit der Medaille „Für die Verdienste um die Heimat Baden-Württemberg" ausgezeichnet. Mit dieser Ehrung, die in einem Festakt am Samstag, dem 10. September, am Vortag zum Tag der Heimat stattfand, wo auch 7 andere verdiente Persönlichkeiten des Südweststaates von dem Regierungsmitglied Staatssekretär Roland Gerstner mit dieser Auszeichnung bedacht wurden, wurde vor allem Otto Zerliks Einsatz für seine vertriebenen Schicksalsgefährten in den 50er und 60er Jahren gewürdigt. Otto Zerlik bewirkte mit dem verstorbenen Bundesvorsteher des Bundes der Egerländer Gmoin Ernst Bartl, der dort auch BdV- und SL-Funktionen wahrnahm, daß das berühmte Ostlandkreuz heute noch die im Zug Vorbeifahrenden auf der Strecke Stuttgart — Ulm grüßt. In der Lobrede kamen auch seine vielen von ihm bekleideten Ehrenämter zur Sprache, gleich ob bei den Karlsbadern, den Vertriebenenverbänden oder als derzeitig amtierender Bundeswart für Volkskunde im Bund der Egerländer Gmoin und natürlich — wie könnte es anders sein — kam auch sein lyrisches Schaffen zur Sprache. Für seine erkrankte Frau waren zwei seiner Enkelinnen bei diesem Festakt in Pforzheim anwesend. Die Lobrede für den Jubilar hielt der Vorsitzende des Arbeitskreises Heimattage, der CDU-Landtagsabgeordnete Dr. Martin Dorn. — ar
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Nur an einem Spinnfaden . . .
Es ist kaum zu glauben, nun sind bereits über achtunddreißig Jahre vergangen, als wir gezwungen worden waren, von der Heimat Abschied zu nehmen. Auf „humane" Weise, wie man sagte, wurden Menschen dann mit ihren wenigen noch gebliebenen Habseligkeiten in Güterzüge gepfercht, um ausgesiedelt zu werden. Manche, zu denen auch ich gehörte, suchten bei Nacht und Nebel auf abenteuerlichsten Wegen die Grenze nach Bayern. Wir Heimatvertriebene hatten nach verlust- und schmerzensreichen Kriegsjahren noch dazu schreckens- und angstvolle Revolutionsmonate hinter uns. Jeder von uns war vogelfrei. Das Glück, weiterleben zu dürfen, hing oftmals an einem spinnfadenfeinen Faden. Jeden konnte zu jeder Stunde ein fürchterliches Schicksal ereilen.
Gleich in den ersten Tagen, nachdem die Sieger mit Feuerwerk ihren Triumph gefeiert hatten, wurde ich zusammen mit anderen Frauen zum Arbeitseinsatz befohlen. Wir mußten die Barackenkaserne in Meierhöfen reinigen, damit alle Spuren von deutschen Soldaten beseitigt sein sollten, bis die Besetzer einrückten. Wachtposten mit Karabinern beobachteten uns aus angemessener Entfernung, denn die noch immer in reicher Zahl herumliegenden Granaten und Panzerfäuste konnten bei der geringsten Unachtsamkeit eine Kettenreaktion von Explosionen auslösen und auch sie selbst in Gefahr bringen.
Einmal kam tatsächlich eine mir bekannte Frau und wollte mit der Handgranate, die sie für ein hammerähnliches Werkzeug hielt, die verrosteten Metallteile einer Bettstatt auseinanderschlagen. Im allerletzten Augenblick vermochte ich sie daran zu hindern. Später mußten wir die verstreute Munition im Kasernenbereich einsammeln und dann am Ufer der Eger zu einem Berg aufstapeln. Nach kurzer Zeit jedoch kam jener Kommissar, — er war deutscher Nationalität und hatte eine tschechische Frau, — der wenige Tage vorher mit Freude den Betrieb meines Vaters als sein Eigentum genommen hatte, und holte mich zu seiner Unterstützung in das Büro. Ich durfte dann am väterlichen Schreibtisch die Berechnungen ausführen, die der neue Meister nicht imstande war zu machen. Vorher waren allerdings eine evakuierte Berlinerin mit ihren drei Kindern und eine vierköpfige schlesische Flüchtlingsfamilie, die wir alle im Haus untergebracht hatten, mit vielen anderen Leidensgefährten ins Erzgebirge gebracht worden, von wo man sie über die Grenze nach Sachsen schickte. Eine junge Frau aus Lauban, die sich mit ihren zwei kleinen Kindern bis Meierhöfen durchschlagen konnte, wurde am 8. Mai in unserer Werkstatt von einem Sohn entbunden. „Adolf" nannte die Unglückselige das arme Kind. Nach drei Tagen zog sie mit dem Handwagen, den wir ihr schenkten, und ihren Kindern weiter nach Westen. Wir haben nie wieder etwas von ihr gehört. Nun waren wir zu dritt im Haus, zwei Frauen und ein Kind. Es war unheimlich in den stillen Räumen.
Aber bald bekamen wir russische Einquartierung, es waren zwei Offiziere. Wir hatten Glück, wenn man das so nennen kann. Der eine Mann war blaß und still, kam aus Moskau, lernte erst Zähneputzen und spielte am liebsten zu seinen schwermütigen Liedern auf der Balalaika. Zunächst hatte ich große Angst vor ihm, aber er ist niemals frech oder gar zudringlich geworden. Meistens schlich er nur grüßend an uns vorbei. Der zweite Offizier kam aus der Mongolei. Er war bronzefarben wie ein Indianer und hatte die Schlitzaugen seiner Rasse. Nachdem ich ihm die Einladung zu einem Spaziergang ausgeschlagen hatte, versuchte er keine weiteren Annäherungen mehr. Ansonsten war er ziemlich laut, und er lachte gern. Beide haben uns später noch oft in äußerst gefährlichen Situationen — sogar mit Papieren für die Flucht — geholfen. Als einmal der allseits gefürchtete Kommissar eines fünfköpfigen tschechischen Kommandos mein Kind erschießen wollte, weil es weinte, warf unsere Einquartierung die gesamte Gruppe über das hölzerne Treppenhaus hinunter, daß es polterte und krachte. Mit knirschenden Zähnen und drohenden Gebärden schworen sie uns Rache. Einmal zwang mich des Abends ein betrunkener Russe mit vorgehaltener Pistole auf dem Klavier zu spielen. Meine Finger zitterten derart, daß ich wiederholt in die falschen Tasten griff. Da fühlte ich bereits das kalte Eisen im Genick, als plötzlich der Spuk beendet wurde. Der Mongole war gekommen und hatte das Alkoholbündel ebenfalls über die Treppen hinuntergeworfen. So könnte ich noch von einer ganzen Reihe gefahrvoller Erlebnisse aus dieser Zeit erzählen.
Ich wußte damals sehr bald und genau, daß wir nur solange geschützt sein würden, solange diese Einquartierung bei uns war, wir hatten aus der Nachbarschaft viel Böses vernommen gehabt. Als eines Tages, es war im November, die beiden Männer abkommandiert wurden, ließ der stille Blasse aus Moskau seine Geldbörse im Zimmer liegen. Zu meiner Überraschung entdeckte ich darin eine winzige Ikone, auf der Maria mit dem Jesuskind abgebildet war, und sie war von einer besorgten Mutter zum Schutz ihres Sohnes mitgegeben worden.
Was ist das doch für eine Welt! Obzwar überall und zu allen Zeiten um Frieden zu dem Einen Gott gebetet wird, selbst wenn es oftmals im geheimen geschehen muß, denn nur die wenigsten Menschen wollen Krieg und dabei am wenigsten die Mütter, so brennt und züngelt es dennoch immerfort an allen Ecken und Enden. —
Ich mußte mich also schnell, nachdem wir keinen Schutz mehr genossen, zur Flucht entschließen. Einander sich überstürzende Schreckensnachrichten, die mir von wohlwollenden Tschechen zugetragen wurden, zwangen mich zum Handeln. Jenem politischen Professor vom Radio Zürich, dem ich jeden Abend verbotenerweise gelauscht hatte, glaubte ich längst nicht mehr. Er hatte monatelang auch meine Hoffnung genährt gehabt, daß das Egerland ein „Internationales Bäderdreieck" werden würde, aber der Silberstreifen am Horizont war stetig blasser geworden. So packte ich an einem frühen Morgen im Dezember meinen Sohn auf das altersschwache Fahrrad, dessen Besitz mir von unserer einstigen Einquartierung in russischer Sprache mit einem Stempel der Kommandantur erlaubt worden war, und stahl mich auf einsamen Wegen in das Niemandsland. Als ich die Höhe bei Janessen erreicht hatte, wagte ich auf die Staatsstraße zu treten. In der Nacht war Schnee gefallen. Das Land war weiß zugedeckt. Immer wieder blieb ich stehen, teils um zu rasten, denn das dickvermummte Kind und die beiden gefüllten Taschen auf dem Fahrrad waren schwer, und teils, um zurück ins Tal zu sehen, wo Karlsbad mit seinen Randgemeinden unter mir lag.
Es war bereits Tag, als ich die Kuppe auf dem Hornerberg erreicht hatte. Nur noch wenige Lichter glitzerten aus der Stadt zu mir herauf. Mit schwerem Herzen nahm ich Abschied. Als ich bereits ein schönes Stück jenseits der Kuppe war und die Schornsteine von Falkenau und Neusattl sehen konnte, schob ich nochmals die schwere Last zurück den Berg hinan, um einen allerletzten Blick auf die Heimat zu werfen. Der Abschied schmerzte unbeschreiblich, mein Schluchzen erschreckte das Kind. Weinend griff es nach mir. Da nahm ich die Bürde auf mich und schritt weiter der ungewissen Zukunft entgegen.
Nun schreiben wir mittlerweile bald das Jahr 1984. Wir haben inzwischen fast alle heranwachsende Enkel, Haus, Garten, Auto, wir haben kranke Wälder, viel Angst und wenig Gottesglauben. Vor lauter „Häuslebauen" haben wir nicht bemerkt, daß sich der Himmel über uns wieder dunkel bewölkte. Wie wäre es darum so unsagbar schön, könnten sich alle Menschen dieser Erde die Hände reichen, um mit Gottes Hilfe alle schwierigen Aufgaben gemeinsam zu lösen, damit unser Schicksal nimmermehr nur an einem Spinnfaden hängen möge.
Mit dem hoffnungsvollen Blick auf dieses Idealbild, meine lieben Landsleute, wünsche ich Ihnen in Gesundheit ein „frohes Weihnachtsfest" und ein „friedvolles Neujahr!"
Ihre Hermine Walter, geb. Palm
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