Eine Nachlese auf das Heimattreffen 1983 in Kahl
„Wer kennt die Orte, ihre Namen, von wo sie hier zusammen kamen?" könnte man Schillers Worte abwandeln, wenn man das Wiedersehen der Schlaggenwalder, zu dem unser treuer Heimatfreund Richard Brummeissl eingeladen hatte, miterlebte. Und sie kamen trotz der glühenden Hitze, die über dem Land brütete, trotz der zähen, aufgeheizten Blechschlangen auf den Autobahnen, trotz der randvollen Ferienzüge und trotz so mancher Mühsal an Leib und Seele.
Was hatte sie denn so gestärkt, daß sie freudig solche Strapazen auf sich nahmen, daß vielleicht gar manch einer einen empfindlichen finanziellen Aderlaß auf sich nahm? Sicher war es die tiefe Heimatliebe zusammmen mit der lebenslangen Sehnsucht nach der versunkenen Kindheit und der Jugendzeit. Man wollte gern wieder in Augen blicken können, die die Bilder unserer kleinen Stadt von einstmals auch gesehen haben, die ebenfalls sein herrliches Umland mit den malerischen Dörfern kannten und die Zeugen unseres jungen Lebens geworden waren. Man suchte gegenseitig in den Augen, die leider auch allzuoft von Schicksalsschlägen und manchen Tränen gezeichnet sind, nach der gemeinsamen Vergangenheit und war glücklich über jeden Funken, der von dort in die Gegenwart sprang.
Ich saß im Kreise plaudernder Menschen auf der Empore nahe dem weitoffenen Fenster, durch das mit einem Zugwind der beißende Rauch vom nahen Grillfeuer herein wehte. Durch das Stimmengewirr summte es im Saal wie in einem Bienenhaus. Die Kehlen wurden immer heiserer und die Lippen immer trockener. Die Bedienungen eilten mit vollen Krügen und Gläsern herbei, damit man den schier endlosen Durst löschen konnte.
Als später am Abend zum Tanz Musik aus unseren Jugendtagen aufgespielt wurde, hatte ich von meinem Platz an der Balustrade einen erfreulichen Ausblick auf das Parkett. Ich erkannte, wie trotz der lähmenden Hitze die müden Rücken plötzlich gerade wurden und die schweren Beine wieder flott. Aufrecht und jugendlich führten die Herren ihre lächelnden Tänzerinnen über die glatte Fläche, und sie zeigten gemeinsam, wie schön und gefällig man sich einstmals zu melodischen Klängen bewegte. Es ging mir augenblicklich durch den Sinn, daß sich bei der modernen Disco-Musik mit ihren Lichtorgeln unmöglich eine solche harmonische Einheit zwischen den Paaren entwickeln kann, wie damals bei einem schmeichelnden Tango, einem beschwingten Walzer oder gar einem wiegenden „Langsamen Walzer". Das beglückende Gefühl des Wolkenschwebens muß wohl mit den unbarmherzigen Verstärkern verloren gegangen sein. —
Am Sonntagmorgen bin ich zwar nicht mit zur Hl. Messe gegangen, aber ich saß mit meinem Mann nahe der offenen Kirchenpforte auf einer alten Steinmauer im kühlenden Windkanal zwischen dem Gotteshaus und der Pfarrei. Ich schloß die Augen und sah mich in unserer St. Georgskirche neben meiner Großmutter sitzen. Sie hatte den elfenbeinernen Rosenkranz um die welken Hände geschlungen, und ihre Lippen wisperten im Gebet. Von dem, was am Altar geschah, begriff ich nichts, und was der Priester redete, verstand ich nicht, weil er meistens lateinisch sprach, darum war ich selten andächtig. Ein schiefer Blick der alten Frau rief mich dann und wann zur Ordnung. Jetzt, in diesem Augenblick, hätte ich mir gewünscht, daß ich noch einmal in der knarrenden Bankreihe sitzen könnte, um den lieben Gott zu danken, daß ich in eine so unvergeßbare Heimat geboren worden war, und daß ich eine solch gute Großmutter haben durfte.
Nach dem Kirchgang kamen dann noch so viele Landsleute, daß man mit manchen von ihnen nur wenige Worte wechseln konnte. Die Freude über das Wiedersehen war oftmals überaus herzlich, obzwar Trauer über die steigende Zahl der bereits heimgegangenen Freunde immer wieder durchschlug. Als ich mich mit meiner Schulfreundin Erna - eine von den „Zenkn-Moidlan" aus Gfell - unterhielt, schob sich eine Erinnerung dazwischen. Es war ein sonnenheller Fronleichnamstag. Ich ging in einer Schar fröhlicher Mädchen über die Höhe der Gfeller Straße zur Prozession nach Schlaggenwald. Wir waren stolz auf unsere weißen, rosa und himmelblauen Kleidchen mit ihren zarten Samtbändern, und wir trugen voller Freude unsere Blütensträuße. Wir schnatterten munter durcheinander, lachten aus ganzem Herzen und hüpften und tanzten, daß die Zöpfe flatterten. Und da denke ich besonders an die blonden der „Zenkn-Moidla", die zu dritt dabei waren. Dabei sehe ich noch die Gräfn-Mieze, die Marianne vom Weinhart-Schuster, die Lenk-Moidla und schließlich auch die Moidla vom Windhof, die bei ihren Verwandten in Gfell gewesen
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