Poschitzau
Poschitzau
Amalie Fechter, geb. Frech, erinnert sich an ihren Heimatort
Nicht viele Landsleute sind aus unserem Dörfchen Poschitzau übrig geblieben, seit wir vor mehr als 35 Jahren gewaltsam das Dörfchen verlassen mußten. An jedem Treffen stellt man fest, daß sich die Reihen sehr gelichtet haben. So manchen guten Nachbarn und Freund gibt es nicht mehr. Leider will die jetzige heranwachsende Generation — also unsere Nachkommen — von der alten Heimat nicht mehr viel wissen. Die jungen Leute sind nun mal hier aufgewachsen, sie haben den harten Existenzkampf, den wir damals unter den Tschechen ausgesetzt waren, den wir wegen unseres Deutschseins und aus Liebe zu unseren Wohnstätten erdulden mußten, nicht selbst erfahren. Daher dürfte die Gefühl für die Heimat nicht so ausgeprägt sein, wie wir es gerne sehen würden. Aber wir dürfen es ihnen nicht verdenken, wenn sie sich in der jetzigen Umgebung, in die sie mit uns verpflanzt wurden, angepaßt haben. Auch ihnen wurde es hier nicht leicht gemacht. Hieß es doch stets: Das ist ein Flüchtlingsmädchen oder ein Flüchtlingsbub. Noch heute wird bei Unmut das Wort Flüchtling gebraucht, und was es bedeutet, ist jedem klar. Es ist eine Herabsetzung der menschlichen Würde. Wir waren niemals Flüchtlinge, nur die Gewalt vertrieb uns aus unseren Wohnstätten. Man muß sich trotzdem wundern, daß die Herabwürdigung bei uns allen — besonders aber bei unseren Jungen — keinen seelischen Schaden angerichtet hat.
Aber jetzt bin ich von meinem eigentlichen Gedanken abgekommen. Ich will doch von unserem Dörfchen und der Umgebung etwas sagen. Oft gehe ich in Gedanken den ganzen Ort ab. Da fallen mir die Wege- und Grundstücksnamen ein. Ganz im „Unteren Dorf" fange ich an den Ort zu durchwandern. Haus für Haus lasse ich passieren. Einst standen dort die Häuser von Josef Lang, Haselbauer, Grießen-Steinbruch, dann die Grießen-Louch, Muckerberg, Hirtwiesel, Schwarzenhübel — das war das Skiparadies — Steinmetz Stodl, übern Huofacker, Samel-Dürrwies. Melcher-Steinbruch, die Buchenhöhe, das war ein geometrischer Punkt; aus dem 30jährigen Krieg war noch der Saomel-Friedhof überliefert gewesen. In der Trift, Schmiedel am Berg, der Steffelhügel, beim Birnbaum, bei den Birken, Hubl-Wallerl, Haidkneck, auf der Kreuzung das Seidelhäuschen, der Schindler-Steinbruch, bei der Suttel, dann zum Hegerhaus Frech. Weitere Benennungen gab es auf dem Weg nach Karlsbad, beim Teich, Kaspar Wies, die Schutzhütte, Erlenwied, das rote Kreuz, die Mehlsäckchen und noch viele andere Wegkennzeichnungen.
Am Heider Forsthaus vorbei, kam man rechts nach Ziegelhütten und geradeaus über die Bahnstation Aich, Pirkenhammer, am Wildparkrestaurant vorbei über St. Leonhard nach Karlsbad oder die Straße entlang über Aich, Donitz nach Karlsbad. Ging man hinter dem Forsthaus Heid links ab, so kam man über die sogenannte Hölle zum Hans Heiling. Das Waldrevier hieß Rostkamm. Da standen die schönsten Blaufichten und dieses Revier unterstand meinem Großvater, dem Heger Frech. Meine Kindheit verbrachte ich im Hegerhaus, bei meinen Großeltern. Natürlich war es mein sehnlichster Wunsch auch einmal eine so schöne Blaufichte als Christbaum zu haben. Aber der Großvater war unermüdlich in der Weihnachtszeit mit der Überwachung dieses Waldteiles gefordert. Aber einmal habe ich mich mit meinem Vetter Josef Stark abgesprochen, daß wir uns eine Blaufichte holen. Nun, so zogen wir auch los. Als wir merkten, die Luft könne rein sein, holten wir uns zwischen Dämmerung und Dunkelheit die gewünschten Christbäume. Aber wir haben das Donnerwetter des Großvaters lange hinterher nicht vergessen, als er nach einem Rundgang merkte, daß zwei der bestgehüteten Stämmchen fehlten. Natürlich mucksten wir uns nicht, daß wir die Frevler waren. An anderen Weihnachten haben wir ja unsere Weihnachtsbäume aus dem Waldbesitz der Gfeller oder des Hüefl Karl geholt. Aber der Großvater Frech hat trotzdem nie erfahren, wer ihm die Blaufichten gemopst hat.
Ging man am Sandhof vorbei, kam man zu Steffl Heinrich seinem Waldbesitz. Es war ein schöner Spazierweg und manches Liebespaar konnte man dort begegnen. Weiter ging es in die Steffl-Louch, dem Buchteich, Taler, Höfl-Rang, Katzensteig und zur Haltestelle im Tepl-Tal.
Ein anderer Weg führte vom Sandhof aus über den Josefn, den Galgen, nach Schlaggenwald, aber auch zum Gfeller Kreuz und Hohlweg, die Bräuerwies in die Sicheluo. Dies sollte nicht unerwähnt bleiben.
Bestimmt gäbe es noch so manches Winkelchen, aber im Augenblick soll das Aufgezeigte genügen.
Ich hoffe, daß recht viele Poschnitzauer beim Treffen in Kahl begrüßt werden können.
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