Fasten- und Osterzeit 1983
Liebe Landsleute, liebe Freunde!
Die Redaktionen unserer Heimatblätter bieten mir die günstige Gelegenheit, zu den beiden Hochfesten Weihnachten und Ostern ein priesterliches Wort an unsere sudetendeutsche Landsleute zu richten. Für dieses Entgegenkommen möchte ich hier Dank sagen.
Fasten- und Osterzeit: Am Anfang steht der Aschermittwoch, und viele von uns haben sich wohl unter dieses Zeichen der geweihten Asche als Symbol menschlicher Vergänglichkeit gestellt. Vergessen wir nicht, daß schon mehr als eine Generation der Heimatvertriebenen in der neuen Heimat verstorben ist. Wir alle wissen zwar, wie viele Jahre wir schon gelebt, aber nicht, wie viele Jahre uns noch beschieden sind. Das Aschenkreuz auf der Stirn ist auch heute für viele noch ein beeindruckender Ritus nach dem Trubel des Karnevals. Am Aschermittwoch 1946 habe ich als Häftling im Karlsbader Gerichtsgefängnis Zeitungsasche gesegnet und den Kameraden das Aschenkreuz erteilt. In dieser Zeit ist uns besonders aufgegangen, wie wenig ein Mensch eigentlich braucht, denn in unserem Gefängnisbeutel hatten wir nur 1 Garnitur Wäsche, 2 Paar Socken und Taschentücher. Als Priester hatte ich noch dabei meinen Rosenkranz, das Neue Testament, mein Brevier und mein Sterbekreuz. So haben wir in der folgenden Fastenzeit am Abend Rosenkranz gebetet und am Morgen, bevor es zur Arbeit ging, Schriftlesung und Meditation gehalten. Viele haben mir bestätigt, daß es für sie religiös fruchtbare Tage waren, auch wenn die Kost spärlich und das Lager sehr primitiv war. Als Menschen des heutigen Wohlstandes sollten wir öfter überdenken, wie wenig wir als eiserne Ration für unser Leben brauchen.
Auch in einer geistig gewandelten Zeit sind Gebet, Fasten und Almosen die Grundakkorde der vorösterlichen Bußzeit, für viele mögen es veraltete Begriffe sein, mit denen sie nicht viel anfangen können, es sind aber für den religiösen Menschen lebenswichtige Ausdrucksformen des Glaubens. Unter Gebet meine ich hier das persönliche Gebet des Einzelnen als Bitte, Dank und Gotteslob, das gemeinsame Gebet der Familie und Gemeinde und den Gebetssturm vieler in den Nöten der Zeit. Wir reden viel von Kriegsgefahr und gefährdetem Frieden und drohenden Katastrophen, aber wir beten zuwenig in all diesen Anliegen.
Als vor 300 Jahren (1683) die Türken vor Wien standen und der Halbmond Europa und das Reich bedrohte, da formierte sich die Ritterschaft unter Karl von Lothringen am Kahlenberg zur offenen Feldschlacht, auch der Polenkönig Sobieski mit seinem Entsatzheer war dabei. Die Männer Wiens standen auf den Wehrgängen der Stadtmauern, und in den Kirchen beteten die Frauen und Kinder für den Sieg des christlichen Heeres. Wien und das Reich und das christliche Europa wurden gerettet. Heute geht es um die gleichen Werte, gerüstet wird ins Unermeßliche, aber die Beter fehlen vielerorts. Von Reinhold Schneider stammt das Wort: „Nur den Betern kann es noch gelingen, das Unheil von uns abzuwenden."
Fasten heißt in unseren Tagen, auf vieles verzichten können und die Güter des Lebens nicht vergeuden. Wir sollten aber die Mahner nicht überhören, die zu Sparsamkeit und ernstem Verzicht mahnen, weil wir ohne solche Verzichte die Not nicht bewältigen können, in die wir nach Jahren des Wohlstandes geraten sind. Das bisherige Bußfasten aus religiös-asketischen Gründen hat eine neue Motivation erfahren, nämlich die Verantwortung für die Hungernden und Notleidenden der Dritten Welt. Misereor und Adveniat mit immer noch steigenden Ergebnissen sind der Beweis dafür.
Almosen: Es geht nicht mehr um das Armensüppchen oder die Groschen für den Bettler an der Tür, sondern um dein persönliches Opfer für die weltweite Not unserer Tage und um ein wirkliches brüderliches Teilen und Weggeben.
So wünsche ich Euch eine Fastenzeit, in der auch heute noch Beten, Fasten und Almosen ernste Forderungen unseres Glaubens sind.
Höhepunkt der österlichen Vorbereitung ist die Passionszeit und die Karwoche, in der wir in der Lithurgie die Geheimnisse des Leidens und Sterbens unseres Herrn Jesus Christus feiern. Wir sollen diese Zeit zur rechten Mitfeier der Liturgie in der Gemeinde nutzen. Aber auch die persönliche Frömmigkeit, die in unserer Heimat eine ausgeprägte Passionsfrömmigkeit war, soll nicht zu kurz kommen. Sichtbarer Ausdruck dafür waren die vielen Passionsandachten, der schmerzhafte Rosenkranz, die Kreuzwegandachten und die Verehrung der hl. fünf Wunden, dazu die ergreifenden Passionslieder (vgl. dazu den Liedanhang zum Gotteslob). Unsere Heimat war geschmückt mit den Kreuzen auf den
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